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„Mit einer

ESG-orientierten Dividendenstrategie kann man bestimmte Risiken reduzieren“

© Shutterstock/Zamurovic Photography

von Julia Thiem

Environment, Social, Governance – kurz ESG. Diese drei Buchstaben erobern immer mehr Anlagestrategien. Auch bei auf Dividenden fokussierten Investments macht es Sinn, auf Nachhaltigkeit zu achten, wie Oliver Plein von der DWS erklärt.

ESG — drei Buchstaben, die in der Finanzbranche derzeit ab- solut en vogue sind. Woher kommt das große Interesse an nachhaltigen Geldanlagen?

Das Thema Nachhaltigkeit wird derzeit insgesamt stark befeuert — in der politischen Diskussion, durch ein breites öffentliches Inter- esse und auch medial. Denken Sie an die Fridays-for-Future-Be- wegung oder die Besteuerung von CO2-Emissionen. Bei der Geld- anlage — gerade bei langfristigen Aktieninvestments — sind ESG- Kriterien aber auch klar eine Frage der strategischen Ausrich- tung. Wenn ich heute in ein Unternehmen investiere, dessen Ge- schäftsmodell stark auf fossile Energieträger setzt, was ist mein Investment in 20 Jahren dann noch wert? Institutionelle Investo- ren wie die großen Staatsfonds machen es vor, und immer mehr Privatanleger stellen sich dieselben Fragen.


Fossile Energieträger sind ein gutes Stichwort. Denn Sie bie- ten auch eine Dividendenstrategie an, die unter Berücksichti- gung nachhaltiger Kriterien gemanagt wird. Sind nicht aber gerade unter Dividendentiteln besonders viele Energieunter- nehmen zu finden?

Sie finden in der Tat viele Versorger unter den Dividendentiteln. Wobei es auch da natürlich Vorreiter bei erneuerbaren Energien gibt, die sehr gut zu unseren ESG-Kriterien passen. Aber Sie ha- ben recht, dass viele der sogenannten Dividenden-Aristokraten nachhaltigen Aspekten nicht standhalten, was zu einem größeren Ausschluss führt als bei einer klassischen Dividendenstrategie.


Welche Auswirkungen hat dieser größere Ausschluss?

Mit Blick auf die Dividendenrendite liegt unsere ESG-Strategie leicht hinter der klassischen zurück. Wir sprechen allerdings nur über einen geringen Unterschied. Das Anlageuniversum ist also trotz des Wegfalls einiger Versorger groß genug, sodass die Divi- dendenrendite in der bisherigen Beobachtung nur unwesentlich geringer ausfällt. Gleichzeitig reduzieren Anleger mit der Wahl ei- ner ESG-orientierten Dividendenstrategie Nachhaltigkeitsrisiken im Portfolio. Daher sind wir davon überzeugt, dass es absolut sinnvoll ist, Anlegern diese Wahlmöglichkeiten zu bieten. Denn je nach Anlagezielen, Zeithorizont und Portfoliozusammenstellung kann ein minimaler Abschlag bei der Dividendenrendite zuguns- ten der Risikostreuung die bessere Alternative sein.


In dem speziellen Fall gilt es also, die Dividendenrendite ge- gen Nachhaltigkeitsrisiken abzuwägen?

Und es gilt, ein Engagement im Gesamtkontext eines Portfolios zu bewerten, richtig. Sie dürfen nicht vergessen, dass ESG-Kriterien immer nur eine Facette eines Anlageprodukts sind. Ein schlech- ter Fonds wird nicht besser, nur weil man plötzlich nachhaltige Kriterien miteinbezieht. Ebenso wenig gibt es ein Richtig oder Falsch. Bei einem langfristigen Anlagehorizont von 15 bis 20 Jah-

ren wird die Sinnhaftigkeit der Anwendung von ESG-Kriterien deutlich zutage treten. Kurzfristig können andere Faktoren die Performance stärker beeinflussen. Insgesamt stehen wir hier am Anfang einer Entwicklung, die eben auch als solche betrachtet werden muss und teilweise durchaus komplex ist. Würden ab so- fort sämtliche Kapitalsammelstellen Ölwerte verbannen, hätten wir nämlich durchaus ein Problem, denn ganz ohne Öl kommen wir aktuell nicht aus. ESG ist also nie nur schwarz oder weiß.


Ein ESG-Ansatz kann aber grundsätzlich helfen, Risiken zu vermeiden?

Absolut. Zahlreiche Studien belegen, dass sich nachhaltige Inves- titionskriterien relativ neutral auf die Rendite auswirken. Anleger schnitten demnach mit einem ESG-Ansatz also bisher nicht schlechter ab, können aber mit Blick auf die Risikostreuung je- doch einiges bewirken. Denn gerade in einem Umfeld, wo Um- weltsünder, aber auch Menschenrechtsverletzung oder Korrupti- on von Kunden stärker abgestraft werden, dürfen Reputationsri- siken nicht unterschätzt werden.


Weil das Thema en vogue ist, springen immer mehr Gesell- schaften auf den ESG-Zug auf. Eine einheitliche Nachhaltig- keitsdefinition gibt es jedoch nicht. Wie können sich Anleger da zurechtfinden?

Es gibt in der Tat deutliche Unterschiede, über welchen Zugang Gesellschaften das Thema umsetzen. Daher kommt der Voraus- wahl durch die beratende Bank auch eine wichtige Rolle zu. Der- weil arbeitet die EU-Kommission an einem Klassifizierungssystem für nachhaltige Tätigkeiten, Taxonomie genannt. Durch diese ge- meinsame Sprache soll für Investoren, Emittenten, Politik und Regulatoren mehr Klarheit entstehen. Dann müssen sämtliche Fi- nanzprodukte beispielsweise in den regelmäßig veröffentlichten Factsheets offenlegen, ob und in welchem Umfang ESG-Kriterien in den Anlageprozess einfließen.

Oliver Plein ist Leiter Produkt- spezialisten Aktien bei der DWS und seit 2005 im Unter- nehmen. Zudem verantwortet er die ESG-Strategien für alle aktiv gemanagten Anlage- klassen im Haus. Plein hat ein Diplom der Universität Trier in angewandter Volkswirt- schaftslehre und an der Uni- versität Ulm in Wirtschafts- wissenschaften promoviert.

„ESG ist nie nur schwarz oder weiß.“

Oliver Plein

Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 1/2020 der perspektiven erschienen.

AUS DER PRAXIS

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Waltraud Wohl wünscht sich im Ruhestand regelmäßige Ausschüttungen und stellt fest: Ohne Rauch geht’s jetzt auch.


„Ich investiere schon länger in Wertpapiere, breit gestreut. Dass ich dabei indirekt auch mit Zigaretten und Schnaps Geschäfte mache, hat mich immer etwas unrund gemacht. Als Ärztin beobachte ich seit Jahrzehnten, welche Folgen das Rauchen und Trinken haben können. Das möchte ich eigentlich nicht fördern. Schon vor einigen Jahren habe ich meinen Bankberater darauf angesprochen, ob sich solche Branchen nicht umschiffen lassen. Aber damals gab es keine einfache Lösung. Heute ist das zum Glück anders. Sogar für meinen Anspruch, dass die Anlage Chancen auf regelmäßige Erträge bieten soll, die mir mein Einkommen in der kommenden Pension aufbessern könnten, gibt es etwas Passendes. Dass dabei zum Beispiel auch Kohleförderung ausgeschlossen ist, finde ich gut. Für die Erde ist das viele Rauchen nämlich auch nicht gesund.“

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