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Lassen Sie

sich nicht

schrecken!

Die Kursstürze im Frühjahr haben viele Investoren verunsichert – vor allem jene, die erst wenig Börse- Erfahrung haben. Doch ein Sparbuch ist mit Wertpapieren nicht vergleichbar, wenn es um langfristige Geldanlage geht.

VON JULIA THIEM UND FLORIAN STREB

© Getty Images/Hiroshi Watanabe

Die heißeste Phase dürfte schon hinter uns liegen.

Gerade erst waren die Österreicher dabei, ihr Interesse an Wert- papieren zu entdecken — und dann das: Innerhalb eines Monats stürzten die weltweiten Aktienkurse wegen der Coronakrise und des Ölpreiseinbruchs um rund 35 Prozent. Das hat wohl vielen die Lust auf Aktien wieder vergehen lassen — sollte es aber nicht. Denn angesichts der niedrigen Zinsen, für die wegen der Rezessi- on auch kein Anstieg in Sicht ist, warten auf klassische Sparer weiterhin triste Zeiten. Wer Vermögen aufbauen und dessen Kaufkraft erhalten will, muss heute umdenken und neue Wege beschreiten.


Neue Wege, das heißt zum Beispiel Aktien- und Anleihenfonds. Für diese begannen sich zuletzt angesichts der anhaltenden Null- zinspolitik auch immer mehr Sparer zu interessieren, wie eine Anfang des Jahres präsentierte Umfrage des Aktienforums unter- streicht: Unter jenen Österreichern, die noch keine Wertpapiere besitzen, ist das Interesse an einer Investition in den vergangenen Jahren steil angestiegen. Während 2016 lediglich 7 Prozent anga- ben, grundsätzlich Interesse an Wertpapieren zu haben — 93 Pro- zent sagten damals noch klar Nein —, signalisieren 2020 immer- hin schon 25 Prozent ihr Interesse. Das Nein kommt nur noch von 61 Prozent der Befragten, 14 Prozent sind unentschlossen. Immerhin.


Die Zeit heilt alle Börse-Wunden. Dass Aktien manchmal binnen Ta- gen oder Wochen beträchtlich an Wert verlieren, erklärt, warum der Respekt vor den Kapitalmärkten so groß ist. „Eine Beimi- schung von Aktien kann für einen langfristig denkenden Anleger sinnvoll sein“, weiß beispielsweise die Chefanalystin der Bank

Austria, Monika Rosen-Philipp. Den globalen Aktienindex MSCI World gibt es seit 1970 — und die Statistik zeigt, dass jeder Kurssturz nach einigen Jahren aufgeholt war (siehe auch Grafik). Betrachtet man den Index über einen Zeitraum von 14 Jahren oder länger, steht am Ende immer ein Plus. Mit einer breiten Streu- ung und einem langfristigen Anlagehorizont können sich die höheren Risiken eines Akti- eninvestments also merklich relativieren.


Dieser „langfristige Anlagehorizont“ setzt aber auch voraus, dass man sich von kurzfristigen Schwankungen nicht verunsi- chern lässt. Von jenen Anlegern, die schon erste Wertpapier-In- vestitionen getätigt haben, zogen anlässlich der Kursstürze im Februar und März viele die (vermeintliche) Reißleine und park- ten ihr Geld wieder auf einem Sparbuch. Davon, dass die Akti- enkurse ab Mitte März wieder aufwärts gingen, konnten sie nicht mehr profitieren. Tatsächlich hatten viele Börsen Ende April schon einen beträchtlichen Teil des Einbruchs wieder auf- geholt und lagen über den Werten von Anfang 2019.


Nicht auf den perfekten Zeitpunkt warten. Heißt das nun, dass der richtige Einstiegszeitpunkt schon wieder vorbei ist? Diese Frage stellt man besser erst gar nicht — denn der perfekte Zeitpunkt kommt nie, dafür verpasst man oft weitere Kursanstiege. „Man kann immer eine Ausrede finden, nicht zu investieren“, meint Hans-Jörg Naumer, Head of Capital Markets & Thematic Research bei Allianz Global Investors: „Ungewissheit, Brexit oder Angst vor einer zweiten Welle des Coronavirus, irgendetwas spricht immer dagegen.“ Naumer erinnert sich dann gerne an den Ratschlag sei- nes Großvaters, der ihm gesagt habe: „Junge, es hört nicht auf zu passieren.“


Auch Naumer geht am Weltspartag mit seinen Kindern zur Bank, um Geld auf ein Sparbuch einzuzahlen — schließlich ist das eine pädagogisch wertvolle Lektion für einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld. „Aber wenn ich heute Geld auf ein Sparbuch einzahle, dann tue ich das mit einem schlechten Gefühl“, stellt er dennoch fest. Was der Kapitalmarktexperte damit meint: Sparen ist seit Jahren ein „Verlustgeschäft“, wenn man die Kaufkraft be- rücksichtigt. Die nicht vorhandenen Zinsen erklären sich durch die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Seit 2014 verrech- net diese Negativzinsen für Geld, das Banken kurzfristig bei ihr hinterlegen. Denn wenn es für Banken unattraktiv ist, Einlagen kurzfristig bei der EZB zu parken, fließt es in Form von Krediten zurück in den Wirtschaftskreislauf — so die Theorie.


Sparbuch brachte oft ein Minus. Schon vor der Coronakrise glaubten Analysten nicht an eine Änderung dieser Zinspolitik. Der nun durch die Restriktionen ausgelöste Einbruch der Wirtschaft hat diese Erwartung einzemen- tiert. „Für Sparbuchsparer sind es schlechte Nachrichten: Die aktuelle Nullzinssituation wird für viele Jahre existent bleiben. Eine Besserung ist nicht in Sicht“, prognostiziert beispielsweise auch Christian Pabst, Head of Austria bei Fidelity International.


Während die negativen Leitzinsen etwas Neu- es sind, sieht die Sache anders aus, wenn man die Inflation mit einrechnet: Eine Aus- wertung der Oesterreichischen Nationalbank zeigt, dass es seit den Sechzigern tatsächlich mehr Phasen mit negativen Realzinsen gab als mit positiven. In den 1970er-Jahren gab es

zwar nominal noch rund 4 Prozent für Einlagen auf dem Spar- buch, doch exorbitant hohe Inflationsraten von bis zu 10 Prozent sorgten schon damals dafür, dass Sparer unter dem berühmten Strich draufzahlten. Und zwar noch deutlicher als heute.


Vom Sparer zum Investor wandeln. Mit anderen Worten: Wer heute klassisch spart, darf nicht erwarten, dass sich das Ersparte von selbst spürbar vermehrt. Für Pabst von Fidelity steht deshalb fest: „Wer mindestens seine Kaufkraft erhalten will, muss sich sukzessive vom Sparer zum Investor wandeln. Dafür muss man nicht gleich volles Risiko nehmen. Auch kleine Schritte sind mög- lich.“ Wichtig sei, überhaupt einen Schritt zu machen: „Es gibt auch Lösungen wie Multi-Asset-Fonds, mit denen sich einige An- leger sicher wohler fühlen. Und mit einem größeren Sparplan kann ich ebenfalls auf eine vernünftige Aktienquote kommen und muss mir keine Gedanken über den richtigen Zeitpunkt für den Einstieg machen.“


Auch die Bank Austria erkennt in ihren Überlegungen zur Anlage- strategie das Potenzial von Aktien, wie Chefanalystin Rosen-Phil- ipp erläutert: „Wir sind langfristig davon überzeugt, dass Aktien Teil einer erfolgreichen Portfoliostrategie sein sollten.“


Moderatere Erwartungen. Tilmann Galler, Global Market Specialist bei J.P. Morgan Asset Management, gibt außerdem zu bedenken, dass Rohstoffe und Cash in den letzten zwölf Jahren die beiden nominal schlechtesten Anlageklassen waren. Allerdings dürfe man langfristig auch keine zweistelligen Renditen mehr an den Aktienmärkten erwarten, prognostiziert J.P. Morgan. Ein Argu- ment gegen ein Aktieninvestment ist das für Galler jedoch nicht: „Trotz niedrigerer Renditen erwarten wir von Aktien eine gute Rendite in Relation zum Risiko.“ Früher waren Staatsanleihen oft eine interessante Alternative zum Sparbuch, heute bieten auch sie kaum noch Zinsen.


Für Galler ist das die vielleicht größte Veränderung zu früheren Zeiten: „Als man mit Bundesanleihen noch 6 Prozent Rendite er- wirtschaften konnte, hatte man bei einer durchschnittlichen In- flation von 2 Prozent einen positiven Realzins und konnte auch mit wenig Risiko seine langfristigen Anlageziele erreichen. Das funktioniert heute nicht mehr.“ Allerdings müsse man stärker di- versifizieren, wenn man mehr Risiken eingeht.


Portfolio nach Maß. Wie bedeutend Diversifikation ist, bewies sich auch in den jüngsten Monaten. Denn die Krise traf verschiedene Branchen verschieden hart — oder auch gar nicht. Viele Unter- nehmen im Technologiebereich verzeichneten sogar Kursgewin- ne, weil sie von der nun beschleunigten Digitalisierung profitie- ren. Wer ausschließlich auf Themen wie Autos und Tourismus setzte, steht dafür mit einem satten Minus da. Deshalb ist Bera- tung so wichtig: Es geht nicht nur darum, Wertpapiere zu besit- zen, sondern auch um die richtige Mischung. Und nicht zuletzt muss das Portfolio auch zum Kunden und seiner Risikoaffinität passen. Denn Panik ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber.


© Thomas Meyer

Monika Rosen-Philipp, Chefanalystin der Bank Austria

„Eine Beimischung von Aktien kann für einen langfristig denkenden Anleger sinnvoll sein.“

Monika Rosen-Philipp

Hans-Jörg Naumer, Head of Capital Markets & Thematic Research bei Allianz Global Investors

© Dirk Beichert

„Man kann immer eine Ausrede finden, nicht zu investieren.“

Hans-Jörg Naumer

© Getty Images/Hiroshi Watanabe

Geldanlage erscheint oft wie ein Trapezakt. Doch es gibt für jede Risikotoleranz eine passende Lösung.

Christian Pabst, Head of Austria bei Fidelity

© Dirk Beichert

„Wer seine Kaufkraft erhalten will, muss sich sukzessive vom Sparer zum Investor wandeln.“

Christian Pabst

Tilmann Galler, Global Market Specialist bei J.P. Morgan Asset Management

Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 1/2020 der perspektiven erschienen.