MARKT

Zeit schlägt

Zeitpunkt

Investieren oder abwarten? Die Frage ist ein Dauerbrenner. Wenn die Unsicherheit, wie es mit der Wirtschaft weitergeht, so groß ist wie derzeit, wird sie besonders häufig gestellt. Die richtige Antwort ist allerdings immer dieselbe.

VON JULIA THIEM

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Auch an der Börse lohnt sich perfektes Timing – doch niemand kennt das Rezept dafür.

Für ein gutes Ergebnis braucht man das perfekte Timing, das gilt fast immer im Leben: Ein auf den Punkt gebratenes Steak, eine geglückte Weltraummission, ein imposantes Foto, bei dem das Sonnenlicht perfekt einfällt. Warum sollte es also auf dem Kapital- markt anders sein? Natürlich möchte man dabei sein, wenn die Kurse von einem Höchststand auf den nächsten klettern, und rechtzeitig vor der nächsten Krise aussteigen, damit man seine Gewinne mitnehmen und sicher parken kann, bis die Talsohle durchschritten ist.


Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Der Meisterkoch erkennt mit all seiner Erfahrung per Druckprobe, wann das Fleisch den perfekten Gargrad hat, die Ingenieurin errechnet aus Planetenbahnen und Raketenbeschleunigung den optimalen Startzeitpunkt, der geübte Fotograf weiß, wann goldene Sonnen- strahlen das Motiv perfekt in Szene setzen. An der Börse dagegen wird zwar viel Aufwand betrieben, zumindest ein Quäntchen Information darüber zu erlangen, wann die nächste Trendwende kommt — und doch kennt niemand den perfekten Zeitpunkt für eine Transaktion.


„Schwankungen an den Märkten sind keine Seltenheit, sondern ganz normal“, sagt Oliver Prinz, Leiter Investment Management and Strategy bei der Bank Austria: „Sie führen allerdings immer wieder dazu, dass die Frage nach dem richtigen Einstiegszeit- punkt gestellt wird. Den gibt es jedoch nicht. Einem langfristigen Anlageerfolg liegt immer eine strategische Asset Allocation zugrunde.“


Der richtige Zeitpunkt: Nie oder immer? Das heißt im Umkehrschluss: Wenn es den einen richtigen Zeitpunkt zum Investieren nicht gibt, eignet sich mit der richtigen Strategie sowie einem langen Anlagehorizont eigentlich jeder Zeitpunkt zum Einstieg. Dennoch versuchen sich viele Investoren daran, den Markt „zu timen“, also eher kurzfristig zu kaufen und zu verkaufen, je nachdem, in welche Richtung die technische oder fundamentale Analyse gerade zeigt. Eine Studie aus dem vergangenen Jahr belegt jedoch: Hätte ein Anleger in den letzten 31 Jahren die besten 13 Tage des DAX verpasst, hätte sich seine Rendite bereits halbiert. Wer bei den besten 33 Tagen des Index über diesen langen Zeitraum nicht dabei war, muss sogar Verluste hinnehmen. Beim britischen und fran- zösischen Leitindex war dieser Effekt sogar noch ausgeprägter: Hätte man die besten 14 beziehungsweise 15 Tage verpasst, wäre man im Minus.


Auch Ulrich Heuberger, Vertriebsleiter bei Schroder Investment Management, hält das richtige Markttiming für pures Glück. Den- noch sagt er: „Geldanlage sollte immer langfristig und mit Bedacht angelegt sein. Das heißt beispielsweise auch, dass ich größere Summen nicht auf einmal investiere, sondern die Anlage über einen Zeitraum von mehreren Monaten bis zu einem Jahr streue. Das ist auch eine Art von Timing, nur eben nicht der Versuch, den einen idealen Moment abzupassen.“ Dem stimmt Alois Steinböck voll und ganz zu. Für den Chief Investment Officer von Amundi Austria ist das Verlängern des Einstiegszeitpunkts eine ideale Art, die Schwankungen der Märkte für sich zu nutzen. Den Versuch, den richtigen Investitionszeitpunkt zu finden, vergleicht er hingegen mit einem Phantom, dem man zwar hinterherjagen kann, es aber wohl nie zu fassen kriegt.


Steinböck plädiert vielmehr dafür, die eigenen Lebensumstände sowie die Risikotragfähigkeit zu hinterfragen — und zwar regelmäßig: „Natürlich zittere ich als Anleger, wenn ich Geld am Kapitalmarkt investiert habe, auf das ich morgen vielleicht zu- rückgreifen muss. Denn nichts ist schmerzlicher, als bei einer Abwärtsbewegung verkaufen zu müssen. Die persönlichen Um- stände und die Risikoneigung sollten daher immer wieder über- prüft und die Anlagestrategie dahingehend angepasst werden. Dabei handelt es sich jedoch eher um ein ‚Nachschärfen‘ einer einmal eingeschlagenen Richtung als um eine Reaktion auf kurz- fristige Marktbewegungen“, betont Steinböck.


Zwei Zeitpunkte definieren den Erfolg. Dass wir uns bei der Frage nach dem richtigen Investitionszeitpunkt mitten in der Verhal- tensökonomie befinden und nicht beim Homo oeconomicus, dem rationalen Nutzenmaximierer, zeigt ein Hinweis von Oliver Prinz. Er hat beobachtet, dass die Frage nach dem richtigen Ver- kaufszeitpunkt viel seltener gestellt wird als jene nach dem Ein- stieg: „Das ist insofern erstaunlich, als sich ein Anlageerfolg oder -misserfolg erst durch den Verkauf manifestiert.“ Dennoch erlebt der erfahrene Anlagespezialist immer wieder, dass Investoren auf dem Höhepunkt einer Krise aussteigen — so auch bei Corona. „Wir haben mit Ausbruch der globalen Pandemie natürlich Abwärtsbewegungen an den Märkten gesehen, allerdings haben diese sich wesentlich schneller erholt, als die wirtschaftliche Lage zunächst hätte vermuten lassen. Wer also mit Einbruch der Märkte verkauft hat, hat einerseits Verluste hinnehmen müssen, anderer- seits vermutlich die relativ schnelle Erholung verpasst“, fasst Prinz das zweite Quartal dieses besonderen Jahres zusammen. Sein Rat an Anleger lautet daher: Emotionalen Abstand zur eigenen Geldanlage schaffen, was beispielsweise mit einem Anlageberater oder professionellen Vermögensverwalter gelingen kann.


Das heißt nicht, dass Anleger von nun an jede Krise aussitzen müssen. Für Ulrich Heuberger heißt es nur, dass Anlageentschei- dungen vor allem mehr Struktur benötigen. „Eine Krise kann ein guter Anlass sein, seine Denkweise zu verändern und sich die Frage zu stellen, ob die bisherigen Annahmen, mit der ein Port- folio zusammengestellt wurde, noch stimmen“, wirft der Schroders- Experte in den Raum. Denn mit Krisen gehen bekanntlich immer auch Chancen einher. Und während einige Branchen extrem unter den Verwerfungen zu leiden haben — aktuell beispielsweise die Luftfahrt, die Gastronomie oder der Tourismus —, zählen andere zu den Gewinnern. „Schauen Sie sich einige Technologie-Titel an. Derartige Wachstumsraten hätte sich vor der Krise niemand träumen lassen“, konstatiert Heuberger. Um hier die richtigen Schlüsse ziehen zu können, braucht es jedoch auch Erfahrung und eine ruhige Hand. Emotionen sind ein schlechter Ratgeber, die einmal eingeschlagene Strategie nachzujustieren — zumal keine Krise der anderen gleicht. In der Regel sind die Auslöser unter- schiedlich, sodass auch die nachfolgenden Verwerfungen nicht miteinander vergleichbar sind.


Gelassenheit schlägt jedes Timing. Für Alois Steinböck sind die Re- geln für eine langfristige Geldanlage daher ziemlich eindeutig: „Kurzfristig benötigtes Geld muss anders veranlagt werden. Dann kann ich für den Teil des Vermögens, der langfristig investiert werden soll, auch eine gewisse Gelassenheit entwickeln. Und die hat sich bisher im Nachgang jeder Krise als Vorteil erwiesen.“ Gelassenheit, betonen auch Prinz und Heuberger, erreicht man als Anleger vor allem mit einer breiten Streuung der Geldanlage. Diversifikation, so sind sich die Experten einig, ist wichtiger als jedes Timing.


Allerdings werde laut Steinböck das Zinsniveau auf absehbare Zeit niedrig bleiben. In Kombination mit einer gewissen Inflation sorgen Sparbuch und Co. also für reale Verluste. Die seien zunächst nicht unbedingt zu spüren. Langfristig führe an Veranlagungen mit positiven Renditeerwartungen jedoch kein Weg vorbei, ist Stein- böck überzeugt. Konkret heiße das, dass Anleger sich unbedingt mit den verschiedenen Assetklassen des Kapitalmarkts auseinan- dersetzen sollten. „In einer Welt mit niedrigen Zinsen gibt es die positive Renditeerwartung nur mit einem höheren Schwan- kungsrisiko. Das löst natürlich Emotionen bei Anlegern aus, wes- halb sie gut beraten sind, für den langfristigen Vermögensaufbau professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen“, schließt Oliver Prinz ab.

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Oliver Prinz ist Leiter Investment Manage- ment and Strategy bei der Bank Austria.

„Schwankungen an den Märkten führen immer wieder zur Frage nach dem richtigen Einstiegszeitunkt.

Den gibt es jedoch nicht.“

Oliver Prinz

Die Frage nach dem richtigen Ausstiegszeitpunkt ist ebenso wichtig, wird aber viel seltener gestellt.

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Ulrich Heuberger leitet den Vertrieb bei Schroder Investment Management.

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„Wenn ich die Anlage einer größeren Summe über einen Zeitraum von mehreren Monaten streue, ist das auch eine Art von Timing.“

Ulrich Heuberger

Alois Steinböck ist Chief Investment Officer von Amundi Austria.

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„Gelassenheit hat sich bisher im Nachgang jeder Krise als Vorteil erwiesen.“

Alois Steinböck

Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 2/2020 der perspektiven erschienen.