MARKT

Verhalten, das sich an moralischen Wertvorstellungen unserer Gesellschaft orientiert, wird für Unternehmen in der Finanzwirtschaft ein immer größerer Erfolgsfaktor.

von Julia Thiem

Ethisch

währt am

längsten

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Die entscheidende Frage: Was sind die Wertvorstellungen, an denen man sich orientieren soll?

Vertrauen ist die Währung des digitalen Zeitalters und es ist „die Grundlage für gute und tragfähige Geschäftsbeziehungen“, sagt Daniela Knieling, Geschäftsführerin von respACT — austrian busi- ness council for sustainable development. Der Verein ist seit Jah- ren die führende österreichische Unternehmensplattform für ver- antwortungsvolles Wirtschaften. Knieling stellt sogar die These auf, dass Vertrauen gerade für Finanzinstitute Kerngeschäft und damit mit wirtschaftlichem Erfolg gleichzusetzen ist. „Oder wür- den Sie Ihr Geld bei jemandem anlegen, dem Sie nicht vertrauen können?“, fragt sie, wohl wissend, die Antwort zu kennen. „Ohne Vertrauen können Gesellschaften nicht die großen Fragen ange- hen, die eine langfristige Planung oder ein gemeinsames Vorge- hen verlangen, wie Abrüstung, Klimawandel oder Steuerflucht“, schrieb auch die renommierte London School of Economics (LSE). Was bedeutet das aber für die Finanzbranche, die seit dem Tiefpunkt nach 2008 intensiv daran arbeitet, verloren gegange- nes Vertrauen der Kundinnen und Kunden sowie der gesamten Gesellschaft wiederzugewinnen?


Werte gewinnen an Bedeutung. Transparentes und vor allem verant- wortungsvolles Handeln im Einklang mit den moralischen und ethischen Werten, auf die sich eine -Gesellschaft geeinigt hat, schafft Vertrauen. Die Nachwehen der Finanzkrise ab 2008 haben hier einiges an Veränderung mit sich gebracht — auch weil der Druck der -Konsumenten, Investoren und Mitarbeiter -zugenom- men hat.


Für Markus Scholz, Professor am Center for Corporate Governan- ce and Business Ethics der FH Wien der WKW, ist es für ein ethi- sches und moralisches Handeln zunächst einmal wichtig, zu ver- stehen, was der Purpose, also der Sinn und Zweck eines Unter- nehmens ist. Denn nur so könne man analysieren, welche Aus- wirkungen das eigene Handeln auf Dritte hat. Was dann kommt, klingt bei Scholz recht einfach: „Es gilt, positive Auswirkungen auf die verschiedenen Interessengruppen zu -maximieren, wäh- rend gleichzeitig mögliche negative Auswirkungen minimiert, vielleicht sogar eliminiert werden.“ Kunden erwarten nicht nur, selbst gut behandelt zu werden, sondern achten auch immer stär- ker darauf, welche Konsequenzen das Handeln eines Unterneh- mens für andere hat.


Theorie versus Praxis. So weit die Theorie. In der Praxis ist es aber eben nicht immer ganz leicht, sich ethisch und moralisch richtig zu entscheiden. Das gilt ganz besonders für einen so global agie- renden Wirtschaftszweig wie die Finanzwirtschaft. Denn in unter- schiedlichen Gesellschaften gelten ganz unterschiedliche morali- sche und ethische Maßstäbe. Was an einem Ort verpönt ist, wird woanders geradezu unterstützt. Um diesen Widerspruch zu er- kennen, muss man gar nicht erst bis Asien reisen. Schon zwi- schen einem ländlichen Dorf und der nächstgelegenen größeren Stadt unterscheiden sich die dominierenden Wertvorstellungen oft signifikant.


Das wirft natürlich die Frage auf, ob Ethik tatsächlich messbar ist. Anhand von Kennzahlen sicherlich nicht. Ethisches Verhalten muss definitiv differenzierter betrachtet werden. Unternehmen lassen sich aber durchaus — auch über Branchengrenzen hinweg — vergleichen, wenn man die richtigen Fragen stellt. Wie positio- niert sich ein Unternehmen zu ethischen Fragen? Sind diese The- men in der Unternehmensstrategie verankert? Wie werden -Com- pliance-Verstöße verhindert? Starr ist eine solche Betrachtung na- türlich nie. Und mit immer neuen Vorfällen, Gesetzen und Entde- ckungen wird die Bewertung von Wirtschaftsethik wohl stets dy- namisch bleiben.


Die Macht des Einzelnen. Für Knieling von respACT sind es ohnehin die Stakeholder — also etwa Anleger, Kunden und Angestellte —, die die eigentliche Macht haben, die Moral auf Unternehmenssei- te zu erhöhen: „Mitarbeiter, die einer sinnvollen Tätigkeit nachge- hen und etwas zum großen Ganzen beitragen möchten, können mit ihren Ideen und ihrer Arbeitsweise ethisches Wirtschaften ak- tiv vorantreiben. Anleger haben die Möglichkeit, den Finanz- markt von morgen in eine nachhaltige Richtung zu lenken, genau- so wie Kunden, die bei ihrer Wahl des Produkts den Markt mitbe- stimmen. Nachhaltige Unternehmen, Investments und Produkte gibt es in nahezu jedem Bereich — es liegt in unser aller Hand, diese vorzuziehen und so eine gesamthafte Änderung zu bewir- ken.“


Und zum Glück findet dieser Wandel statt. Immer mehr Verbrau- cher achten darauf, welche Produkte sie kaufen, wie sie ihr Geld anlegen oder mit welchen Firmen sie Verträge abschließen. Mit- arbeiter wünschen sich zunehmend, einen Sinn in ihrer Arbeit zu sehen, wollen Gleichberechtigung und Vielfalt. Das spiegelt sich natürlich auch in der Strategie der Unternehmen wider, wie Ro- man Jost, Nachhaltigkeitsmanager der UniCredit Bank Austria, zu berichten weiß: „Wir haben einen Leitsatz, der tief in unserer Un- ternehmensphilosophie verankert ist: ‚Das Richtige tun.‘ Das be- zieht sich sowohl auf einen fairen und respektvollen Umgang mit Kunden und Investoren als auch auf ein harmonisches Arbeits- umfeld, eine ausgeglichene Work--Life-Balance oder die Förde- rung von Vielfalt im Unternehmen. Dieser Leitsatz ist die Basis für unser gesamtes Handeln.“


Entscheidend ist laut Jost dabei, Werte zunächst im Unternehmen selbst zu etablieren, bevor man sie nach außen trägt. Und man brauche einen langen Atem, sagt er: „Konsequenz ist sicherlich einer der entscheidenden Aspekte für eine nachhaltige Geschäfts- ethik. Werte etabliert man nicht über Nacht, man muss sie immer wieder aufs Neue mit Inhalten füllen und auch vorleben.“


Gebündeltes Engagement. „Wir sind überzeugt: Um es gut zu machen, müssen wir Gutes ma- chen“, sagt Robert Zadrazil, Vorstandsvorsit- zender der UniCredit Bank Austria, über die neue „Social Impact Banking“-Initiative. „Wir sind uns bewusst, dass wir Banken eine be- sondere gesellschaftliche Verantwortung tra- gen: Mit unseren Geschäftsentscheidungen können wir eine Hebelwirkung erzeugen, die weitaus größer ist als in jeder anderen Bran- che. Wir wollen positiven Wandel in der Ge- sellschaft aktiv unterstützen und möglich ma- chen.“


Mit der „Social Impact Banking“-Initiative bündelt und verstärkt die UniCredit Bank Austria ihre vielfältigen Aktivitäten für eine fairere und integrativere Gesellschaft: durch die Vergabe von speziellen Krediten, die Wei- tergabe ihres Wirtschafts- und Finanz-Know- hows und das Engagement ihrer Mitarbeiter bzw. ehemaligen Mitarbeiter.


Ethik versus Wirtschaftlichkeit. Langfristig zahlt es sich immer aus, „das Richtige zu tun“, ist Jost überzeugt und führt das Beispiel der Veranlagung an: „Ökologische, ethische und soziale Aspekte werden Investoren bei ihren Anlageentscheidungen immer wich- tiger. Der Rendite tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil: Unter- nehmen, die solche Themen aktiv angehen, haben in der Regel einen Wettbewerbsvorsprung und können sich am Markt behaup- ten.“ Und auch Daniela Knieling sieht in einem ethischen Verhal- ten der Unternehmen keinen Widerspruch zur Wirtschaftlichkeit: „Das beweisen österreichische und internationale Unternehmen, die ehrlich und anständig im internationalen Wettbewerb Gewin- ne erzielen und diese verantwortungsvoll in Hinsicht auf die Aus- wirkung auf Umwelt und Gesellschaft reinvestieren. Andernfalls würde das ja bedeuten, dass man nur unanständig und auf Kos- ten anderer zu wirtschaftlichem Erfolg kommen kann — und das würden sehr viele Unternehmer zu Recht verneinen.“


Ethisches Verhalten sei keine Garantie für Erfolg, könne aber durchaus zu diesem beitragen, wie Professor Scholz betont: „Nur weil sich ein Unternehmen ethisch einwandfrei verhält, führt das nicht automatisch zu einem guten wirtschaftlichen Resultat. Es stimmt aber auch, dass die Corporate Social Performance sehr stark mit der Corporate Financial Performance korreliert. Das zeigt sich beispielsweise bei der Rekrutierung und Motivation der Mitarbeiter. Talente fragen nach dem ethischen Verhalten von Unternehmen, und auch Investoren ist es nicht egal.“


Kurzfristig kann eine ethische Entscheidung auch Kosten verursa- chen. Langfristig — und das unterstreichen alle drei Experten — zahlt sie sich jedoch aus. „Wie hoch der Reputationsverlust bis hin zu finanziellen Verlusten sein kann, wenn unethisches Verhal- ten zum Vorschein kommt, kann man heute nahezu täglich in den Medien nachlesen“, bringt es Knieling auf den Punkt.

„Ohne Vertrauen können Gesellschaften nicht die großen Fragen unserer Zeit angehen.“

London School of Economics

© Shutterstock/GoodStudio/Egger & Lerch

Ethisches Verhalten ist keine Garantie für Erfolg, aber kann dazu beitragen.

Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 3/2019 der perspektiven erschienen.

„Ökologische, ethische und soziale Aspekte werden Investoren bei der Anlage immer wichtiger.“

Roman Jost, Nachhaltigkeitsmanager Bank Austria

„Welche Werte sind Ihnen persönlich wichtig – und wie kommen diese bei Ihrer Arbeit zu tragen?“

Frank Patermann, Director Key Account Management Deutschland & Österreich,

Allianz Global Investors

„Wollte man die Antwort auf diese Frage in einem Wort zusammenfassen, so träfe ,Ehrlichkeit‘ wohl am besten zu. Dies bedeutet für mich zum einen, authen- tisch zu sein und das, wovon man überzeugt ist, auch zu sagen, und das, was man sagt, dann auch zu tun. Zum anderen beinhaltet dies für mich aber auch die Anforderung, stets das Beste zu geben. Sprich: die Arbeit gewissenhaft und verantwortungsbewusst zu erledigen. Beidem liegt die Überzeugung zugrunde, dass jeder Einzelne mit seinem persönlichen Han- deln etwas bewirken kann. Zentral bei allem Tun ist dabei der Respekt gegenüber dem anderen. Alle Kol- leginnen und Kollegen sind hierarchieunabhängig gleichermaßen wertschätzend zu behandeln.“

Frank Patermann

Jörg Moshuber,

Senior Portfolio Manager

Amundi Austria

„Ethik und Moral schaffen gemeinsame Wertesyste- me und Handlungsmuster für unser gesellschaftli- ches Zusammenleben. Die Auswirkungen des Klima- wandels bedrohen die Zukunft unserer Gesellschaft. Daher gehen momentan Tausende Menschen auf die Straße und fordern umfassende und rasche Maßnah- men für den Klimaschutz. Durch Themen wie Klima, Bildung und soziale Ungerechtigkeit rückt unsere Ge- sellschaft stärker zusammen und kämpft für eine bessere gemeinsame Zukunft. Das ist wunderbar und passt gut zu meinem Job als Manager eines nachhal- tigen Investmentfonds. Ich bin davon überzeugt, dass die Berücksichtigung von Umwelt- und Sozialkriterien sowie die ethische Führung eines Unternehmens langfristig gut für das Unternehmen, die Perfor- mance und die Investoren sind.“

Jörg Moshuber

Andreas Schmid,

Senior Vice President

Head of Global Wealth Management Germany, Austria, CEE PIMCO

„Behandle andere so, wie du auch selbst behandelt werden möchtest. Das wurde mir in jungen Jahren von meinen Eltern nicht nur immer wieder gesagt, sondern auch vorgelebt. Auch wenn ich das als Kind manchmal eher nervig fand, bin ich meinen Eltern heute dankbar für die Werte, die sie mir vermittelten und die heute unbewusst mein Handeln leiten. Re- spektvoller Umgang und Wertschätzung zählen ge- nauso dazu wie Ehrlichkeit, Vertrauen und Loyalität. Dabei stelle ich auch immer wieder fest, dass das an- deren entgegengebrachte Vertrauen mit ebensol- chem Vertrauen und Ehrlichkeit beantwortet wird. So verdanke ich wohl nicht zuletzt dieser einfachen Weisheit aus Kindheitstagen ein hohes Maß an ge- genseitigem Vertrauen mit Kunden als auch mit Kol- legen. Dieses Vertrauen ist jedoch nicht für die Ewig- keit garantiert und muss immer wieder neu erarbei- tet und bestätigt werden.“

Andreas Schmid