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„Es steckt noch

viel Potenzial in der Digitalisierung“

Fernsehen „on demand“, virtuelle Bildung und Online- Shoppen – unsere Welt wird immer digitaler. Weshalb die Digitalisierung dennoch erst relativ am Anfang steht und das Thema daher für Anleger interessant ist, erklärt die Österreich-Chefin von Pictet.

VON JULIA THIEM


Frau Reisser, der Corona-bedingte Lockdown wurde zu einem regelrechten Katalysator in Sachen Digitalisierung. Wie viel Potenzial steckt damit überhaupt noch in der Digitalisierung als Anlagethema?

Wir alle konnten mit dem Lockdown tatsächlich eine regelrechte Flucht in die Online-Welt beobachten. Vor allem TV-Dienste, On- line-Videospiele, E-Commerce und soziale Netzwerke, aber auch digitale Gesundheitsanwendungen oder Bildungsangebote haben durch den Covid-19-Ausbruch unglaubliche Wachstumsraten erzielen können. Der Streamingdienst Netflix verzeichnete bei- spielsweise im ersten Quartal 2020 16 Millionen neue Konten – fast doppelt so viel wie in den drei Monaten zuvor. Durch die Brille der Industrienationen betrachtet, leben wir also schon in einer voll digitalen Welt. Allerdings haben bislang nur etwa 59 Prozent der Weltbevölkerung Zugang zum Internet. Und die sogenannte Generation Hashtag — die Jahrgänge zwischen 1991 und 2005 — gewinnt auch gerade erst an Wirtschaftskraft. Sie macht rund 34 Prozent der Gesamtbevölkerung aus und wird die Nachfrage nach digitalen Angeboten weiter steigern. Die Fundamentaldaten sagen also eindeutig: Es steckt noch viel Potenzial in der Digitalisierung.


Dabei hatte der damalige Google-Chairman Eric Schmidt 2013 prognostiziert, dass spätestens 2020 alle Menschen mit dem Internet verbunden wären.

Diese Prognose war offensichtlich etwas zu optimistisch. Den- noch dürfen wir nicht vergessen, dass sich die Internetnutzung in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt hat, Smartphones zu einem allgegenwärtigen Alltagsgegenstand geworden sind und sich Computer oder auch die Datenspeicherung immens verbilligt haben. Auch wenn Schmidts Vision von damals noch nicht erreicht ist, haben Digitalisierung und neue Technologien unser Leben doch grundlegend verändert, und dieser Trend wird sich in den nächsten Jahren weiter fortsetzen.


Digitalisierung ist grundsätzlich ein weites Feld. In welchen Bereichen sehen die Anlageexperten von Pictet die größten Chancen?

Wir haben fünf Bereiche definiert, wo aus unserer Sicht in den kommenden Jahren das größte Potenzial liegt: künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, Cloud Computing, Blockchain sowie lebens- echte Erlebnisse wie die Virtual oder Augmented Reality. Die Er- klärungen sind einfach: Bereits im kommenden Jahr werden 40 Prozent aller Unternehmensanwendungen Aspekte der künstli- chen Intelligenz beinhalten, was wir sogar als noch recht konserva- tiv geschätzt bewerten. Mit dem Internet der Dinge werden bereits in diesem Jahr mehr als 470 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Wir rechnen mit Investitionen von über 60 Billionen US-Dollar in den nächsten 15 Jahren in diesem Bereich.


Welche Argumente sprechen für die anderen drei genannten Bereiche?

Cloud Computing ist in aller Munde — allen voran IaaS-Leistungen, also Infrastructure as a Service. Hier werden allein in diesem Jahr Wachstumsraten von knapp 37 Prozent erwartet. Bei der Blockchain denken die meisten nur an Kryptowährungen und verkennen damit das Potenzial — vor allem als Grundlage neuer Marktplätze. Lebensechte Erfahrungen stecken hingegen noch komplett in den Kinderschuhen und werden überwiegend in der Unterhaltungsbranche eingesetzt. Hier müssen sich nachhaltige Geschäftsmodelle erst noch entwickeln. Wir glauben jedoch, dass hier durchaus Potenzial steckt, beispielsweise zur Förderung von Entwicklungs-, Bildungs- oder Visualisierungsprozessen.


Ihre Auflistung zeigt: Es braucht eine gewisse Erfahrung und Marktkenntnis, um Trends rund um die Digitalisierung und vor allem jene Unternehmen herauszufiltern, die langfristig zu den Gewinnern zählen. Braucht es bei diesem speziellen Anlagethema mehr Fingerspitzengefühl?

Wer die Digitalisierung für sein Depot nutzen will, muss die inno- vativsten und disruptivsten Unternehmen ausfindig machen. Das ist insofern schwierig, weil es ausschließlich darum geht, die Zukunft zu antizipieren. Natürlich versuchen das Fondsmanager und Anleger grundsätzlich, nur gibt es bei den Digitalisierungs- vorreitern eben keine historischen Anhaltspunkte. An viele zu- künftige Geschäftsmodelle denken wir heute noch nicht einmal. Entsprechend braucht es mit Sicherheit eine gewisse Weitsicht, um aus der Digitalisierung ein langfristiges Kapitalwachstum zu generieren. Dafür arbeiten wir seit über zehn Jahren mit dem Copenhagen Institute for Futures Studies (CIFS) zusammen und haben ein Investmentkonzept entwickelt, das mehrere mit der Digitalisierung zusammenhängende Megatrends umfasst: Netz- werkwirtschaft, Demokratisierung, Beschleunigung und Komple- xität, technologische Entwicklung sowie Individualisierung und demografische Entwicklung.

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Bénédicte Reisser ist seit 2000 bei Pictet Asset Management und dort für den Vertrieb an Finanzintermediäre in Österreich und Osteuropa verantwortlich. Sie hat einen Master in Be- triebswirtschaft der Universität Freiburg sowie einen Master in International Management der Universität Lausanne (HEC).

„Bislang haben nur etwa 59 Prozent der Weltbevölkerung Zugang zum Internet.“

Bénédicte Reisser

Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 2/2020 der perspektiven erschienen.

AUS DER PRAXIS

Marianne Mach glaubte, bei der Digitalisierung vorne dabei zu sein. Bis ihre Enkelin wieder einmal zu Besuch kam ...


Online-Shopping? Kein Problem, auch wenn ich es nicht gerne mache. Internetbanking? Nutze ich schon seit Jahren, am liebsten am Tablet. Dennoch ist mir die Jugend bei der Digitalisierung noch weit voraus, wurde mir unlängst wieder bewusst, als mich meine zwölfjährige Enkelin besuchte. Zum Beispiel, als sie mir half, neue Möbel für mein Lesezimmer auszusuchen. ,Da, schau, Oma, so würde das aussehen‘, sagte sie und hielt mir ihr Handy unter die Nase. Zu sehen war ein Fauteuil, den wir uns eben im Katalog angesehen hatten – und rund um ihn mein Zimmer, als würde er schon hier stehen! Ich war einfach nur verblüfft. Augmented Reality nennt sich das. Gehört hatte ich schon davon, aber so praktische Anwendungen waren mir noch nicht bekannt. Meine Lehre aus dieser Geschichte? Immer auf dem neuesten technologischen Stand sein: Das werde ich nicht mehr schaffen. Aber in die Technologien der Zukunft investieren: Das werde ich mir genauer ansehen.

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