MARKT

Unsere Daten

Anmerkungen zu einem Phänomen.

VON KONRAD PAUL LIESSMANN

Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Bislang hielt man dies für philosophische Fragen, die nicht leicht zu beantworten waren. Selbsterkenntnis, die individuelle und kollektive Erinnerung, die Erwartungen, Hoffnungen und Ängste gegenüber der Zukunft — über all das ließ sich trefflich und kontrovers diskutieren. Heute erübrigen sich diese Diskussionen. Denn die Algorithmen, die auf Daten basieren, die wir, oft ohne es zu wissen, im Internet, bei verschiedenen Unternehmen, bei Behörden und in den sozialen Netzwerken hinterlassen, erlauben es, ziemlich exakte Auskünfte zu diesen Fragen zu geben.


Wer wir sind: Nirgendwo werden wir darüber besser informiert als in einer Zusammenschau aller Texte, Kommunikationen, Einträge, Tweets, Bilder und Likes, die wir in der digitalen Welt hinterlassen haben. Dinge, an die wir uns schon lange nicht mehr erinnern können, sind dort archiviert, für alle Zeiten, und wem es gelingt, diese vielfältigen Daten zu vernetzen, der bekommt ein ziemlich gutes Bild von uns, unseren Vorlieben, unseren Gewohnheiten, unserem Kaufverhalten, unseren Vermögensverhältnissen, unseren erotischen Präferenzen, unseren politischen Überzeugungen.


Woher wir kommen? Klar doch, aus den Tiefen des digitalen Universums. Dort finden wir unsere ersten Spuren, dort lässt sich verfolgen, wohin wir uns bewegten, welche Tätigkeiten wir an welchen Orten ausführten, mit wem wir zusammen waren, welche Länder wir bereist, welche Autos wir gemietet, welche Museen wir besucht haben.


Wohin wir gehen? Keine Frage, der Algorithmus, der uns besser kennt als wir uns selbst, weiß auch dies. Je mehr Daten zur Verfügung stehen, desto besser lässt sich unser und das Verhalten anderer Menschen voraussagen. Unmerklich verändert sich dadurch unser Leben. Wir akzeptieren, dass unsere Identität entscheidend durch die Spuren definiert ist, die wir im Netz hinterlassen; wir erwarten, dass uns Internetanbieter mit jenen Produkten versorgen, die genau unseren Vorlieben und Wünschen entsprechen; und wir sind nicht überrascht, wenn die Analyse der Datenströme ergibt, das wir zu gefährlichen, extremistischen politischen Meinungen neigen könnten und deshalb überwacht, vielleicht aus dem Verkehr gezogen werden müssen — nein, Letzteres geht doch zu weit. Aber die Behörden arbeiten an solchen Verfahren. Und es gibt doch zu denken, dass die chinesische Regierung versucht, alle Aktivitäten ihrer Bürger digital zu erfassen, die entsprechenden Daten zentral auszuwerten und jene Personen mit Schlechtpunkten, verminderten Chancen und Restriktionen zu versehen, die der Norm nicht entsprechen.


Die großen Vorteile der Verwertung riesiger Datenmengen für uns als Kunden oder Mitglieder eines Netzwerkes haben eine Schattenseite. Diese sollten wir nicht ausblenden. Wir benötigen ein geschärftes Datenbewusstsein — eine Verantwortung unseren Daten gegenüber. Auch diese Verantwortung gehört zu den Bedingungen unserer Freiheit.


„Je mehr Daten zur Verfügung stehen, desto besser lässt sich unser und das Verhalten anderer Menschen voraussagen.“

KONRAD PAUL LIESSMANN

Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie und Ethik an der Universität Wien.