LEBEN

Das Holz wächst

ohne Hast und Rast

Der Bonsai-Enthusiast Walter Schreiner erklärt, warum für kleine Bäume oft große Summen bezahlt werden – speziell in Japan.

VON FLORIAN STREB

WERT & SCHÖN

Was fasziniert Sie am Thema Bonsai?

Das Ziel ist, den Baum so zu gestalten, dass er meine Vorstellung von Natur möglichst vollkommen widerspiegelt. Als ich den ersten Bonsai sah, war klar, dass ich mich damit beschäftigen wollte. Konfuzius hat einmal gesagt: „Ich habe mich in meinem Leben auf zwei wesentliche Dinge beschränkt, das war genau der richtige Weg, um beide falsch zu machen!“ Man sollte zuerst auf einem Gebiet die Meisterschaft erlangen — in diesem Sinne habe ich all meine Hobbys verworfen, um mich nur mehr der Kunst der Bonsaigestaltung zu widmen.


Manche Bonsais werden für Tausende Euro gehandelt, einzelne sollen sogar mehrere Hunderttausend Euro wert sein. Welche Faktoren bestimmen den Wert eines Baums?

Die Qualität setzt sich aus mehreren Faktoren wie Alter, Baumsorte oder Gesundheitszustand zusammen. Um eine dichte Verzweigung zu erreichen, die den Baum majestätisch erscheinen lässt, müssen Sie ihn entsprechend oft schneiden — und das über Jahre. Diese lange Pflege stellt den eigentlichen Wert eines Bonsais dar. Auch Prämierungen auf Ausstellungen tragen wesentlich zur Wertsteigerung bei.


Findet man besonders wertvolle Bäume

nur in Japan oder auch hier?

Mittlerweile gibt es auch in Europa entsprechend wertvolle Exemplare. Ich selbst kenne eines, bei welchem der Verkaufspreis bei 20.000 Euro liegt — eine japanische Eibe, die in Japan einen renommierten Preis gewonnen hat. Allerdings gibt es in Österreich nur wenige Bonsaihändler, und exklusive Exemplare werden wegen des wirtschaftlichen Risikos kaum geführt.


Wie beginnt man am besten, wenn man sich für Bonsais interessiert?

Wie ich selbst auch mit einem Baum aus dem Baumarkt um zehn Euro. Empfehlenswert sind Ficus-Sorten oder chinesische Ulmen, die sind relativ robust und wuchsfreudig. Das Wichtigste ist Geduld! In den taoistischen Schriften heißt es: „Das Holz wächst ohne Hast und Rast der Sonne entgegen.“


Sind Bonsais als Anlageobjekt geeignet?

In Japan besitzen vermögende Menschen Sammlungen von erlesenen Exemplaren, welche von mehreren darauf spezialisierten Gärtnern betreut und auf wichtigen Ausstellungen präsentiert werden, um an Wert zu gewinnen. In Europa ist das eher nicht denkbar. Es ist ungleich schwieriger, einen Bonsai über Jahre in Form und vital zu halten, als ein Kunstwerk. Ein Bonsai wächst andauernd, Sie müssen ihn schneiden, ernähren, immer wieder umtopfen, vor Schädlingsbefall schützen und vieles mehr. Wenn Sie ein teures Exemplar durch widrige Umstände zwei Tage nicht gießen, kann das einen großen Verlust bedeuten.

Walter Schreiner ist Vor- sitzender der „Österre- ichischen Gesellschaft für Suiseki & Bonsaikultur“.

„Es ist ungleich schwieriger, einen Bonsai über Jahre in Form und vital zu halten, als ein Kunstwerk.“

WALTER SCHREINER

MEHR ZUM THEMA LEBEN