MARKT

Mehr Mut zum Wertpapier!

Mit Sparzinsen kann man sein Geld heute nicht mehr vermehren. Doch an Wertpapiere trauen sich viele Anleger auch nach Jahren niedrigster Zinsen nicht heran. Warum eigentlich?

VON JULIA THIEM

Früher war alles besser — Psychologen bezeichnen dieses Phäno- men als „rosige Rückschau“. Obwohl die drei Wochen Sommerur- laub auf einem Campingplatz komplett ins Wasser gefallen sind und man von Gelsen zerstochen wieder nach Hause kam, schwelgt man schon wenig später in nostalgischer Erinnerung an diese schöne Zeit. Es gibt aber auch Dinge, die früher tatsächlich besser waren: Zinsen aufs Sparbuch beispielsweise. „Wer heute sein Kapital auf einer Sparkarte oder einem Sparbuch parkt, braucht rund 400 Jahre, um sein Vermögen zu verdoppeln. Be- rücksichtigt man dann noch die Inflation, verliert man de facto Geld“, bringt es Susanne Müller-Taborsky, Head of Private Ban- king Business Intelligence bei der Bank Austria, auf den Punkt. Mit anderen Worten: Wenn man nicht auch andere Assetklassen wie Aktien- oder Anleihefonds nutzt, gibt es heute keine Rendite mehr.


Doch das scheint den Österreichern egal, wie Berndt May, Gene- ralsekretär der Vereinigung ausländischer Investmentgesellschaf- ten in Österreich (VAIÖ), erst kürzlich bei einer Umfrage lernen musste: „Wir wollten anlässlich des Weltfondstages am 19. April von Anlegern wissen, warum sie so zurückhaltend bei der Kapi- talanlage sind. Interessanterweise trauen sich die meisten auf- grund eines zu geringen Finanzwissens nicht, ihr Geld am Kapi- talmarkt zu investieren. 75 Prozent sagen von sich, sie kennen sich zu wenig aus und verzichten lieber auf Erträge, als höhere Ri- siken einzugehen.“


Negatives Image. Es sei aber auch der negative öffentliche und po- litische Diskurs, der Anleger bei Wertpapieren unsicher werden lässt, glaubt der auf Vermögensfragen spezialisierte Ökonom Han- no Lorenz bei der Denkfabrik Agenda Austria: „Politiker, aber auch manche Sozialpartner äußern in der Öffentlichkeit eine Ab- neigung gegenüber Wertpapieren. So wird bei Investitionen in Aktien abwertend immer von ‚Spekulation‘ gesprochen, obwohl Institutionen den Kapitalmarkt gleichzeitig selbst zur Wertanlage nutzen.“


Unvorteilhaft sei zudem die Größe des heimischen Aktienmarktes — oder vielmehr die Kleinheit. „Unternehmensfinanzierungen er- folgen in Österreich hauptsächlich über Banken. Der Teil, der am Kapitalmarkt eingehoben wird, ist vergleichsweise gering. Das führt dazu, dass der hiesige Kapitalmarkt nur wenige Anlagemög- lichkeiten bietet. Gleichzeitig erscheinen Aktien ausländischer Unternehmen riskanter, da Anleger weniger über diese Firmen wissen. Beides senkt die Attraktivität von Wertpapieren natürlich noch einmal deutlich“, glaubt Ökonom Lorenz.



Wege aus dem Dilemma. Es ist ein echtes Dilemma, vor dem die Ös- terreicher hier stehen: Einerseits verlieren sie mit ihren Sparein- lagen Geld. Andererseits scheinen die Hürden, zu Wertpapieren zu greifen, über die Jahre immer höher geworden zu sein. Für VAIÖ-Chef May lauten die Lösungen für dieses Dilemma mehr Aufklärung und mehr Eigenverantwortung: „Anleger müssen sich von hundertprozentiger Sicherheit und Garantien lösen. Einen ‚free lunch‘ gibt es heute nicht mehr. Und eine gewisse Risikobe- reitschaft braucht man ja auch im Alltag. Beispiel Straßenverkehr: Wenn ich morgens ins Auto steige, bekomme ich auch keine Ga- rantie, dass ich am Ende der Fahrt wieder unversehrt aussteige.“


Lorenz glaubt, ein Blick über die Landesgrenzen könne zudem Mut machen: „In anderen Ländern, mit Ausnahme von Deutsch- land, ist Wertpapierbesitz deutlich häufiger ein Instrument der Geldanlage. Historisch betrachtet haben Haushalte in diesen Län- dern damit deutlich höhere Renditen erwirtschaftet als hierzulan- de.“


Alle drei Experten betonen, dass eine breite Diversifikation die Risiken reduzieren kann, die mit dem Besitz von Wertpapieren einhergehen — was womöglich nicht allen Anlegern bewusst ist. „Statt das ganze Geld in Apple-Aktien zu stecken, gibt es die Mög- lichkeit, sein Geld über Fonds breit zu streuen und damit das Risi- ko sektoraler Kurseinbrüche zu reduzieren“, rät Vermögensex- perte Lorenz von der Agenda Austria. Susanne Müller-Taborsky von der Bank Austria sagt dazu: „Natürlich brauche ich auch li- quide Anlageformen wie Sparkarte oder Sparbuch und die damit verbundene tägliche Verfügbarkeit. Aber müssen das 100 Prozent sein? Der Schlüssel liegt darin, das Vermögen breit über verschie- dene Assetklassen beziehungsweise Anlagemöglichkeiten zu streuen — und hierbei kann und sollte ein Berater unterstützen.“ Dieser Hinweis ist ihr besonders wichtig: Niemand muss sich al- lein gelassen fühlen, Anleger sollten Bankberater als Dienstleister wie den Friseur, Steuerberater oder Notar ansehen: „Wenn die Haare geschnitten werden müssen, mache ich das ja auch nicht selbst. Auch bei der Vermögensanlage sollte man die entspre- chende Dienstleistung, nämlich die Beratung durch Experten der Bank, nutzen.“


Schritt für Schritt. Für May können auch vermögensverwaltende Produkte eine Möglichkeit für Anleger sein, ihre Scheu vor Wert- papieren zu überwinden. Denn unter diesen, erklärt der Experte, gebe es mittlerweile auch welche, die sehr aktiv auf veränderte Marktsituationen reagieren und so ebenfalls vor Kapitalverlusten schützen. Zudem müsse auch nicht alles zur Verfügung stehende Kapital auf einmal angelegt werden, betont Müller-Taborsky: „Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Das heißt, man kann auch in Tranchen, also schrittweise, investieren. Jedenfalls sollte man nicht auf eine Bedürfnisanalyse mit dem Berater verzichten, um unter anderem die individuelle Risikoneigung und passende Streuung zu definieren.“


Zwischen 2010 und 2014 hat es laut der EZB keine wesentliche Verschiebung hin zu Wertpapieren gegeben — obwohl die Geldpo- litik Sparbücher deutlich unattraktiver gemacht hat, Aktienkurse aber positiv beeinflusst hat. Doch das anhaltende Niedrigzinsum- feld macht es für Banken und Versicherer zunehmend schwer, Gewinne zu erwirtschaften. Das würden auch die Kunden mer- ken, deren Auszahlungen sinken, glaubt Lorenz. Diesem Anreiz, das Anlageverhalten zu verändern, stehe freilich die Risikoscheu gegenüber, die sich nur langsam ändere, weshalb er davon aus- geht, dass sich auch am Anlageverhalten seiner Landsleute etwas ändern wird, je länger die derzeitige Politik anhält.


Aufklärung gefragt. May ist hier etwas skeptischer und findet, es brauche einen gesellschaftlichen Wandel, dessen Grundlagen schon in der Schule geschaffen werden müssen. Denn wer weiß, wie gut sich Wertpapiere in der Vergangenheit trotz aller Einbrü- che entwickelt haben, dem wird auch rasch klar: Gerade mit ei- nem langfristigen Anlagehorizont, den der Vermögensaufbau oder die Altersvorsorge in jedem Fall haben sollten, lohnen sie sich. Wer 1986 europäische Aktien gekauft und nun nach 30 Jah- ren wieder verkauft hat, durfte sich (gemessen am Euro Stoxx In- dex) im Schnitt über eine jährliche Rendite von sieben Prozent freuen. Wenn das einmal kein überzeugendes Argument ist!

Susanne Müller-Taborsky ist im Bank Austria Private Banking für Business Intelligence zuständig.

Berndt May ist Gener- alsekretär der Vereinigung ausländischer Investment- gesellschaften in Österre- ich (VAIÖ).

Hanno Lorenz forscht als Volkswirt beim liberalen Thinktank Agenda Austria.

SETZEN, NICHT GENÜGEND!


Mangelndes Finanzwissen ist einer der Hauptgründe, warum Anleger in Österreich so zurückhaltend bei der Kapitalanlage sind. Viele Experten plädieren deshalb dafür, grundlegende Finanzthemen und volkswirtschaftliche Zusammenhänge im Rahmen eines Schulfaches zu unterrichten und so künftigen Generationen ein solides Grundwissen mit an die Hand zu geben. Stehen bald weniger lineare Funktionen und mehr Zinseszinsrechnung auf dem Lehrplan?

MISSVERSTANDENES RISIKO


„Aktien sind reine Spekulation und bei Anleihen ist das Risiko zu hoch, dass das Unternehmen seine Schulden nicht zurückzahlen kann.“ Wer nur eine Aktie kauft und nur einem Unternehmen sein Geld leiht, für den mag diese Aussage stimmen. Doch diese vermeintlichen Risiken der Kapitalanlage lassen sich leicht minimieren. Denken Sie zum Beispiel an einen Anleihefonds, der Papiere von Dutzenden Staaten und Firmen hält. Die Wahrscheinlichkeit, dass alle von ihnen in Konkurs gehen, ist verschwindend gering. Und wenn ein einzelnes Unternehmen zahlungsunfähig ist, kann Ihnen das als Anleger ziemlich egal sein.

Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 3/2017 der perspektiven erschienen.

PRAKTISCH

Gunther Gutenhausen machte um Wertpapiere lange Zeit einen großen Bogen. Heute denkt er anders.

Jahrelang bekam ich von meinem Vater vorgebetet, wie riskant es sei, an der Börse zu handeln: ,Aktien sind etwas für Spekulanten, Gunther. Wir sind ordentliche Geschäftsleute.‘ Da ich mich ohnehin nicht für Wertpapiere interessierte, folgte ich seinem Rat. Wieso auch nicht? Unser Gestüt und unsere Liegenschaften liefern bis heute stabile Erträge. Bei der Geldanlage geht es mir nur um Werterhalt, deshalb waren gebundene Spareinlagen lange Zeit mein Favorit. Als es mit dem

Zinsniveau immer weiter bergab ging, machten mir gute Freunde irgendwann klar, dass Wertpapiere nicht zwingend etwas mit Spekulation und unkalkulierbarem Risiko zu tun haben. Ich wagte den Schritt. Heute kann ich sagen: Es hat sich gelohnt, dass ich mich trotz meines mäßigen Interesses mit ein paar Begriffen wie ,Diversifikation‘ auseinandergesetzt habe. Die Anlageentscheidungen überlasse ich allerdings lieber den Profis des Bank Austria VermögensManagement.

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