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„Ein schwaches Pfund ist nicht nur schlecht“

Die Märkte werden vom bevorstehenden Ausstieg der Briten aus der EU nicht unberührt bleiben. Doch letztendlich sei die britische Wirtschaft flexibel und agil genug, um mit den Folgen umzugehen, glaubt Invescos Chefvolkswirt John Greenwood.

VON JULIA THIEM

Ein Pfund nicht mehr wert als ein Dollar? John Greenwood hält das für möglich.

Das Timing steht, Ende März wollen die Briten Artikel 50 des EU-Vertrages aktivieren und die Austrittsverhandlungen beginnen. Womit müssen Anleger rechnen?

John Greenwood: In jedem Fall mit volatilen Phasen. Beide Seiten gehen mit politischem Druck in die Austrittsverhandlungen. Großbritannien steht unter Druck, die Kontrolle über die Zuwanderung zurückzugewinnen, was einer der wichtigsten Gründe dafür war, dass überhaupt so viele Briten für den Brexit gestimmt haben. Die EU steht auf der anderen Seite unter enormem Druck, den Verbund zusammenzuhalten. Vermutlich wird sie den Briten den Austritt schwer und nicht allzu viele Zugeständnisse bei Privilegien und Vorteilen machen.


Genauso, wie die Briten bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit keine Zugeständnisse machen werden?

Für die britische Regierung wird die Zuwanderung ein zentrales Thema werden. Ihr Ziel ist es, die Kontrolle über die Grenzen wiederzuerlangen. Lösungen, die dieses Ziel gefährden, wird sie versuchen zu umgehen. Die Zuwanderungszahlen in Großbritannien sind sehr hoch. Wir reden hier von 340.000 Menschen netto pro Jahr. Das liegt vor allem daran, dass der britische Arbeitsmarkt der flexibelste in ganz Europa ist.


Wird eine solche Abschottung die britische Wirtschaft schwächen?

Es geht nicht um eine Abschottung, sondern darum, wieder die Kontrolle darüber zu erlangen, wer einwandern darf und wer nicht. Das ist ein großer Unterschied. Denn Großbritannien ist seit jeher ein großer Verfechter des freien Marktes. Es ist eher die EU, die sich vergleichsweise abschottet und bestimmte Bereiche wie den Agrarsektor oder Finanzdienstleistungen besonders schützt. Hinzu kommt, dass die britische Wirtschaft die flexibelste und anpassungsfähigste in ganz Europa ist. Und diese Tatsache wird erheblich dazu beitragen, dass die britische Wirtschaft und auch der Aktienmarkt sich unabhängig von den Verhandlungen und möglichen Ergebnissen wieder erheben werden.


Was der Aktienmarkt nach dem Parteitag der Konservativen Partei in Birmingham ja bereits gezeigt hat.

Richtig, der britische Aktienmarkt hat mit einem neuen Hoch auf die Festlegung des Brexit-Timings reagiert. Allerdings liegt das auch daran, dass die meisten der in London gelisteten Unternehmen mehr als 70 Prozent ihrer Gewinne außerhalb des Landes generieren. Unternehmen, die ihren Fokus stärker auf die heimische Wirtschaft legen, schnitten im Vergleich deutlich schlechter ab

Für das britische Pfund ging es gleichzeitig in die andere Richtung.

In der Tat. Und das britische Pfund wird im Vergleich zum Euro und zum US-Dollar schwach bleiben. Möglich wäre sogar eine Parität zwischen Pfund und US-Dollar, also ein Wechselkurs im Verhältnis 1:1. Allerdings ist ein schwaches Pfund nicht nur schlecht. Es wird beispielsweise die gewerbliche Produktion in Großbritannien stärken, was wiederum der Wirtschaft zugutekäme — nur einer der Vorteile einer flexiblen, anpassungsfähigen Wirtschaft.


Wie können sich Anleger auf die Situation einstellen?

Ich würde in jedem Fall jedes Engagement im britischen Pfund absichern. Hingegen wirkt die bereits erwähnte Tatsache, dass der Großteil der in London gelisteten Unternehmen auch den Großteil ihrer Gewinne anderenorts generiert, wie eine natürliche Absicherung gegen jede Abwärtsbewegung des britischen Pfunds. Und gegen die Volatilität wird man sich kaum absichern können.


Wird die Attraktivität britischer und europäischer Aktien unter dem Brexit leiden?

In jedem Fall wird der Brexit während der Dauer der Verhandlungen für Wolken über beiden Aktienmärkten sorgen, aus denen es mitunter heftig schütten kann. Wir werden ein Auf und Ab erleben. Großbritannien wird seinen Freien-Markt-Ansatz aber nicht aufgeben und es wird sicher schnell zu Verträgen mit einzelnen Handelspartnern kommen.


Werden andere Märkte hiervon profitieren?

Ich sage bereits seit Jahren, dass die USA der deutlich interessantere Markt ist. Dort haben die Banken ihre Bilanzen bereits aufgeräumt, was US-Unternehmen in den letzten fünf Jahren deutlich attraktiver hat werden lassen als ihre europäischen Pendants. Das Problem ist nur, dass US-Aktien mit Blick auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis relativ teuer sind. Allerdings spiegelt das nur das Niedrigzinsumfeld wider, in dem wir uns befinden, und trifft dementsprechend auch auf andere Märkte zu.

John Greenwood ist Chefvolkswirt bei Invesco und seit 1998 im Un- ternehmen. Er gilt als aus- gewiesener Experte für Notenbankpolitik und sitzt im Shadow-Board der Bank of England. Anfang der Achtziger lebte Green- wood in Hongkong und schlug damals einen Cur- rency-Board-Mechanis- mus vor, um den Hongkong-Dollar zu stabil- isieren, als dieser während der Verhandlun- gen zwischen Großbritan- nien und China über die Zukunft der Stadt nach 1997 einbrach. Dieser Mechanismus besteht noch heute, 33 Jahre später, zum selben HKD/USD-Kurs.

„Wir werden ein Auf und Ab erleben. Großbritannien wird seinen Freien-Markt- Ansatz aber nicht aufgeben.“  JOHN GREENWOOD

Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 1/2017 der perspektiven erschienen.