MARKT

„Vom Bauernhof

bis auf den Teller“

Die wachsende Weltbevölkerung und die zunehmende Urbanisierung stellen uns vor viele Herausforderungen – etwa beim Thema Ernährung. Investments, die eine langfristige und nachhaltige Versorgung mit Lebensmitteln gewährleisten, rücken daher immer stärker in den Fokus

VON JULIA THIEM

Ein Gang entlang unserer Supermarktregale zeigt: Lebensmittel sind im Überfluss vorhanden. Warum sollte die langfristige Versorgung da zu einem Problem werden?

Der Grund ist einer der wohl bedeutendsten Trends unserer Zeit, den wir in den Industrienationen gar nicht so stark wahrnehmen, der unser Leben jedoch nachhaltig verändern wird. Die Rede ist vom stetig steigenden Bevölkerungswachstum. Jede Minute werden auf der Welt fast 160 Menschen geboren. Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass bis zum Jahr 2050 knapp zehn Milliarden Menschen auf der Welt leben werden. Dazu kommt, dass die Menschen mit steigendem Lebensstandard und urbanen Lifestyles auch mehr und vielfältigere Lebensmittel konsumieren. Das heißt, dass unsere Nahrungsmittelproduktion bis dahin stark steigen muss.


Und dabei stößt die Nahrungsmittelindustrie an ihre Grenzen?

Die aktuelle Lage rund um den Globus zeigt, wie knapp Nahrungsmittel bereits heute sind — und das trotz aller Fortschritte in der Agrarwirtschaft. 2018 litten 821 Millionen Menschen Hunger, besagen die Daten der FAO. Besonders erschreckend daran ist, dass die Zahl seit 2015 wieder steigt, nachdem sie davor jahrelang zurückgegangen war.


Wieso werden Ressourcen immer knapper?

Hier spielt gleich eine ganze Reihe von Faktoren zusammen. Zum einen ist da beispielsweise der Klimawandel, der mit Dürren und Überschwemmungen die Ernteerträge in Ländern negativ beeinflusst, deren landwirtschaftliche Produktivität ohnehin schon zu gering ist. Zum anderen ist die landwirtschaftliche Nutzfläche pro Kopf auch deshalb rückläufig, weil es einen zunehmenden Wettbewerb durch andere Nutzungsarten gibt — beispielsweise die Industrie, Infrastruktur oder die zunehmende Urbanisierung. Innerhalb von 50 Jahren hat sich die landwirtschaftliche Nutzfläche halbiert, die pro Person zur Verfügung steht.


Es gilt also, mit gezielten Investitionen Unternehmen und Innovationen zu fördern, die langfristig und nachhaltig die Versorgung mit Lebensmitteln aufrechterhalten können?

Genau. Wir sind davon überzeugt, dass massive Anpassungen erforderlich sind, um mehr Lebensmittel mit weniger Ressourcen und ohne ökologische Schäden produzieren zu können. Es sind aber auch strukturelle neue Trends im Lebensmittelkonsum, die neue Wachstumschancen für Anleger eröffnen. Denn neben der wachsenden Weltbevölkerung hat die bereits angesprochene, stark zunehmende Urbanisierung immense Auswirkungen auf unsere Essgewohnheiten und die Versorgung mit Lebensmitteln.


Wie verändert die Urbanisierung unsere Essgewohnheiten?

Neben dem quantitativen Effekt — mehr Menschen benötigen mehr Nahrung und Wasser — gibt es aufgrund der zunehmenden Urbanisierung auch einen qualitativen Effekt. Denn in der Regel geht der Umzug in die große Stadt mit einem höheren Einkommen einher. Insgesamt ist das weltweite Pro-Kopf- Einkommen zwischen 1970 und 2012 bereits um 71 Prozent gestiegen. Und je höher das Einkommen, desto höher die Ansprüche der Menschen — auch an Lebensmittel. Sie wollen mehr Abwechslung auf ihrem Teller, essen mehr tierische Proteine und stellen den Genuss stärker in den Vordergrund. Das zeigt sich beispielsweise am weltweit wachsenden Markt für Bio- Lebensmittel, an der Zunahme sogenannter Convenience- Produkte oder den Umsatzsteigerungen in der Restaurantbranche. Immer mehr Menschen achten bei der Ernährung auch auf Gesundheit und Wellness.


Was heißt das für Anleger, in welchen Branchen erkennen Sie Investitionsmöglichkeiten?

Wir sehen Wachstumschancen entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Lebensmitteln, vom Bauernhof bis auf den Teller. Wir reden hier in der Landwirtschaft etwa von Erzeugern von Agrarprodukten, Herstellern von Landmaschinen oder Produzenten von Saatgut, Dünger oder Agrochemikalien. Auch die Wasserversorgung betrachten wir als Teil des Themas, der Wasserbedarf steigt ähnlich stark wie jener nach Nahrungsmitteln. Weiter geht es mit der Lebensmittel- und Getränkeproduktion und schließlich zum Handel — online wie stationär. Auch die Gastronomie darf man nicht vergessen: Sowohl der gehobene Bereich als auch Schnellrestaurants zählen zum Spektrum.


Sehen Sie entlang der gesamten Wertschöpfungskette dieselben Chancen?

Es sind Chancen ganz unterschiedlicher Art, und sie sind sicher auch unterschiedlich groß. Aktuell betrachten wir die Bereiche Landwirtschaft und Produktion als besonders vielversprechend. Im Handel ist das Potenzial durch den starken Wettbewerbsdruck derzeit limitiert, aber auch hier kann man punkten, Stichwort Bio. Die Getränkeindustrie wiederum erschließt zunehmend Schwellenländer, wo gigantische Märkte auf sie warten

Vafa Ahmadi ist seit 2006 bei der Amundi- Tochtergesellschaft CPR Asset Management, wo er zunächst als Head of Direct Investments im Global Balanced Team startete. Seit 2009 verantwortet er das European Thematic Equities Team.

„Wir sehen Wachstumschancen entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Lebensmitteln, vom Bauernhof bis auf den Teller.“

VAFA AHMADI

Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 1/2019 der perspektiven erschienen.

PRAKTISCH

Urwald-Kirsche gefällig? Reinhard Rechenberger lässt sich nicht von Hypes blenden und stellte sich die Frage, ob sein Geld in der Ernährungsbranche gut angelegt ist.

Kein Tag vergeht, ohne dass man auf irgendeinen neuen ,großen Trend‘ aufmerksam gemacht wird: von brasilianischen Urwald- Kirschen über Zirbenholz-Zahnbürsten und Hanf-Handschuhe bis hin zu seltsamen technischen Gadgets wie USB-Rasierern. Ich habe mich immer bemüht, mich von solchen Moden nicht leiten zu lassen. Als Leiter einer Controlling-Abteilung ist es auch mein Job, das große Ganze im Blick zu behalten und kurzfristige Hypes von nachhaltigen Veränderungen zu unterscheiden. Deshalb war ich zuerst skeptisch, als mir mein Bankberater einen ,großen Trend‘ vorstellte, der mein Portfolio gut abrunden könnte. Aber beim Thema Ernährung konnten mich die Fakten überzeugen: Die Entwicklung dieser Branche ist nicht auf geschicktes Marketing, technologische Durchbrüche oder eine grandiose Konjunktur angewiesen, sondern sie profitiert von unaufhaltbaren demografischen Veränderungen. Ob wir in einigen Jahren Urwald- Kirschen essen oder nicht, ist dabei ganz egal

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