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Die großen Wellen

„The trend is your friend“ lautet eine Börsenregel, die davon ausgeht, dass sich ein bestehender Trend fortsetzt. Wenn also ein „gewöhnlicher“ Trend schon Anlegers Freund ist, sollten dann nicht die zahlreichen Megatrends, die Zukunftsforscher seit einigen Jahren beobachten, zu den „best friends forever“

aller Anleger werden.

VON JULIA THIEM

Den Begriff Megatrends prägte der US--amerikanische Zukunftsforscher John Naisbitt Anfang der 1980er im gleichnamigen Buch, das jahrelang in den Bestsellerlisten aufschien. Naisbitt identifizierte damals „10 Perspektiven, die unser Leben verändern werden“, wie der Untertitel besagte. Das Zukunftsinstitut mit Sitz in Frankfurt und Wien benennt heute zwölf Megatrends, während die Kollegen vom Copenhagen Institute of Future Studies über insgesamt vierzehn sprechen. Es gebe Charakteristika, anhand derer sich Megatrends von gewöhnlichen Modeerscheinungen abgrenzen, erklärt Christian Rauch, Geschäftsleiter beim Zukunftsinstitut in Frankfurt: „Wir sprechen dann von einem Megatrend, wenn er vier -Kriterien erfüllt. Da wäre zunächst die Dauer: Ein Megatrend entfaltet sich dynamisch über viele Jahrzehnte. Kriterium zwei: Es -handelt sich immer um ein globales Phänomen. Zudem sind Megatrends überaus komplex und haben Wechselwirkungen untereinander. Und zu guter Letzt ist ein Megatrend allgegenwärtig, das heißt, er beeinflusst alle gesellschaftlichen Bereiche, die Wirtschaft, Medien und selbst unsere Werte. Wir nennen das -Ubiquität.“


So viel zur Theorie. Wer jetzt an die großen Buzzwords unserer Zeit wie Digitalisierung, Big Data oder künstliche Intelligenz denkt, dem sei gesagt: Das sind keine Megatrends. „Digitalisierung als Megatrend wäre viel zu kurz gesprungen“, so Rauch.

„Der -Mega-trend zu diesen drei Stichwörtern — und der vielleicht

wirkungsvollste unserer Zeit — ist die Konnektivität. Aber die ist eben nicht nur technisch oder auf digitaler Ebene zu finden, sondern erstreckt sich bis in die analoge Welt.“


Megatrends im Portfolio. New Work, Urbanisierung, Globalisierung, Neo-Ökologie oder Gesundheit sind einige Beispiele für die großen Megatrends unserer Zeit. Keiner davon sei jedoch in Stein gemeißelt, betont Rauch: „Megatrends geben lediglich künftige Entwicklungen vor, sie definieren jedoch keinen fixen Zustand in fünf oder zehn Jahren.“ Um Megatrends sinnvoll in ein bestehendes Portfolio einzubinden, brauche es daher unbedingt eine langfristige Perspektive, betont auch Martin Mayer, Head of Product Development & Innovation im Bank Austria Private Banking: „Wir sind davon überzeugt, dass Megatrends künftig entscheidende Auswirkungen haben, die sich auf Investmentebene aber mitunter erst in einigen Jahren voll entfalten werden.“


Einige der Unternehmen, die morgen vielleicht zu den Gewinnern der Megatrend-Entwicklung gehören, sind heute kleine Start-ups oder noch gar nicht börsennotiert. „Mega-trends leben von Wachstumsperspektiven“, sagt Mayer. „Das macht sie auch so interessant, denn der Wandel vollzieht sich schon heute unglaublich schnell. In immer kürzeren Zeitabschnitten erleben wir ein teilweise ex-tremes Wachstum ganzer Branchen.“


Es ist vielleicht auch diese Dynamik, die Megatrends für Anleger attraktiv macht — und die Tatsache, dass wir sie alle täglich erleben. Das mache die Themen greifbar, sagt Mayer. Entsprechend groß sei auch die Nachfrage der Anleger. Bei der Auswahl der richtigen Strategien und Anbieter für die Portfolios der Kunden gelte es jedoch, Sorgfalt und Bedacht walten zu lassen. Auch regelmäßige An-passungen sieht Mayer aufgrund der hohen Dynamik kommen.

Der Wandel passiert schnell – Investitionen haben dennoch eine langfristige Perspektive.


Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 2/2018 der perspektiven erschienen.

WIE AUS MEGATRENDS INVESTMENTSTRATEGIEN WERDEN


„Mit Blick auf die Megatrends gibt es keine absolute Wahrheit“, bringt es Walter Liebe von Pictet Asset Management auf den Punkt. Der Senior Investment Advisor beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Megatrends und weiß daher, dass es bei der Umsetzung von Megatrends in Anlagestrategien vor allem eine Frage zu beantworten gilt: Wie wird die Welt in Zukunft aussehen? „Megatrends, wie Zukunftsforscher sie betrachten, sind mitunter sehr abstrakt. Die Aufgabe eines Vermögensverwalters ist es, diese abstrakten Definitionen zu übersetzen“, sagt Liebe. Bei Pictet Asset Management setzt man dafür auf Themenfonds, die teilweise schon seit vielen Jahren erfolgreich am Markt sind. Bei der Auflage dieser Fonds ist man jedoch sehr sorgsam und prüft die Gültigkeit einer Strategie in einem langwierigen Prozess. Liebe dazu: „Wir fragen uns in Rücksprache mit Wissenschaftlern, welche Themen die Märkte in den nächsten Jahren beschäftigen und gleichzeitig für einen Aufstieg von Unternehmen sorgen könnten.“ Eine mögliche Antwort sehen Liebe und sein Team in Smart Citys, die als Aufhänger für einen neuen Themenfonds dienen. „Hinter intelligenten Städten stehen der demografische Wandel, neue Familienmodelle, moderne Arbeitsplatzgestaltung, Nachhaltigkeit, aber auch technologische Entwicklungen und Wirtschaftswachstum. Unsere neue Strategie befasst sich also auf vielen verschiedenen Ebenen mit den Megatrends“, so Liebe. Übrigens: Auch hier ist nichts hundertprozentig festgeschrieben. Stellen die Experten fest, dass sich an den großen Themen etwas ändert, werden Fondsstrategien angepasst und gegebenenfalls deutlich erweitert. Das ist etwas, das alle Megatrend- Investments gemein haben.

Walter Liebe, Senior Investment Advisor bei Pictet Asset Management

Umwälzung als Chance


Disruption wird von vielen Unternehmen als bedrohlich wahrgenommen – vor allem dann, wenn traditionelle Geschäftsmodelle hinterfragt werden. Doch Umwälzung ist auch immer eine Chance, wie man bei Amundi weiß – und genau die will man Anlegern mit einem darauf zugeschnittenen Fonds zugänglich machen. Dieser wurde vor zwei Jahren aufgelegt und konzentriert sich auf jene Unternehmen, die Bestehendes in Frage stellen oder mit einem innovativen Produkt einen ganz neuen Markt kreieren. „Anleger mögen eng gefasste Anlagethemen wie etwa Robotics oder künstliche Intelligenz. Aber ein breit aufgestelltes ‚Ökosystem‘ wie das der Disruption kann langfristig die verschiedenen Marktphasen besser überstehen“, betont Vafa Ahmadi, Head of Thematic Equities bei der Amundi-Tochter CPR Asset Management. „Deshalb wollen wir ein breiteres Thema in unserem Portfolio spielen, eines, das Disruption branchenübergreifend für sich nutzt. Vorübergehende Modeerscheinungen interessieren uns nicht.“ Ein solcher Ansatz heißt vor allem eines für das Fondsmanagement: viel Flexibilität – eine weitere Gemeinsamkeit bei allen Übersetzungen der Megatrends in Investmentstrategien. Denn so ist die Abhängigkeit von Marktbedingungen oder auch -zyklen geringer und Ahmadi und sein Team können sich auf Titel konzentrieren, die von den strukturellen Veränderungen profitieren und damit Treiber einer nachhaltigen Performance sind.

Vafa Ahmadi, Head of Thematic Equities bei CPR

Millennials – eine besondere Generation


Generationsunterschiede hat es schon immer gegeben. Nun aber wird eine besondere Generation erwachsen, glaubt Richard Wiseman, Executive Director Fundamental Equity bei Goldman Sachs. Was die sogenannten Millennials, also Menschen, die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden, so besonders macht: Sie sind als erste Generation mit der Digitalisierung aufgewachsen. „Schauen Sie sich aktuell einmal die Unternehmen mit der weltweit größten Marktkapitalisierung an. Viele davon sind vor zehn, 20 Jahren gerade erst auf den Markt gekommen. Und es ist sicher kein Zufall, dass der Aufstieg von Google, Amazon, Facebook und Co in genau denselben Zeitraum fällt wie das Heranwachsen der Millennials“, betont Wiseman. Zudem seien einige der Millennials heute bereits 38 Jahre alt, hätten gute Jobs, verdienten ordentlich Geld und, noch viel wichtiger, würden völlig anders konsumieren als die Generationen davor. „Millennials weltweit haben bereits heute einen enormen Einfluss auf die Wirtschaft“, sagt Wiseman. Mit einer eigenen Millennials-Strategie trägt man bei Goldman Sachs dieser Entwicklung Rechnung. Wiseman und sein Team glauben daran, dass es zahlreiche Unternehmen geben wird, die von den Millennials profitieren. „Es geht aber nicht nur darum, die Gewinner zu kaufen, sondern auch darum, die Verlierer nicht im Portfolio zu haben“, betont Wiseman. Aktives Management sei das A und O, wenn man als Anleger von den Megatrends profitieren wolle.

Richard Wiseman ist bei Goldman Sachs für Fundamental Equity verantwortlich.

Freizeitgestaltung 2.0


Megatrends verändern, wie wir unsere Freizeit gestalten oder wie wir konsumieren, glaubt man bei Invesco und setzt mit einem neuen Fonds gezielt auf diese disruptiven Tendenzen. „Technologie verändert, wie wir einkaufen, wo wir einkaufen, wie wir Medien nutzen, wie unsere Urlaube aussehen oder wie wir unsere Zeit verbringen. Im Ergebnis verändert sich damit auch, wie wir unser verfügbares Einkommen einsetzen“, bringt Fondsmanager Ido Cohen die Idee der Strategie auf den Punkt. Dabei kann Cohen aus einem Anlageuniversum von über tausend Aktien weltweit die attraktivsten Titel auswählen. Denn Profiteure des neuen Freizeit- und Konsumverhaltens finden sich unter Produzenten von Videospielen, im E-Commerce, bei Restaurant- oder Kreuzfahrtanbietern, aber eben auch im Bereich Werbung, der sozialen Medien oder rund um das Thema autonomes Fahren. Denn auch das ist eine der Auswirkungen der Megatrends auf die Investmentlandschaft: Man muss lernen, über den Tellerrand zu schauen – als Anleger und auch als Fondsmanager. Und noch etwas sei wichtig, wie der Invesco-Experte betont: „All diese Veränderungen sind global, nicht regional. Zusätzlich gibt es aufgrund des technologischen Fortschritts kaum noch Barrieren im weltweiten Handel. Das verändert die Verteilung der Marktanteile für Unternehmen natürlich erheblich und sorgt für Gewinner, aber auch Verlierer. Ein ideales Umfeld also für aktive, fundamentale Stockpicker.“

Ido Cohen managt einen Themenfonds bei Invesco.