MARKT

Bunt

ist besser

Beim Risiko gilt: Das Ganze ist weniger als die Summe seiner Teile.

Ein größeres Risiko eingehen, um damit Sicherheit zu gewinnen? Das mag absurd klingen – aber eine professionelle Diversifikation macht es möglich.

VON FLORIAN STREB

Schon im babylonischen Talmud, der vor mehr als 1.500 Jahren entstand, findet sich die Anweisung, dass man sein Vermögen aufteilen sollte. „Stets teile ein Mensch sein Geld in drei Teile: ein Drittel in Grundbesitz, ein Drittel in Waren und ein Drittel in seiner Hand“, heißt es dort in der deutschen Übersetzung von Lazarus Goldschmidt. Die jüdische Schrift führt zwar nicht aus, warum man das so halten sollte, aber sie zeigt, dass schon in der Antike ein Bewusstsein dafür herrschte, Risiko zu streuen.


Man soll nicht alles auf eine Karte setzen oder, wie eine amerikanische Redewendung sagt, „nicht alle Eier in einen Korb legen“. Das ist einleuchtend. Schon weniger intuitiv erscheint, dass man das Gesamtrisiko reduzieren kann, indem man ein größeres Einzelrisiko eingeht. Wer in seinem Portfolio schon Staatsanleihen aus der ganzen Welt hat, wird mit einer weiteren Staatsanleihe das Risiko nicht wesentlich reduzieren können. Unternehmensanleihen oder Aktien mögen waghalsiger erscheinen, können aber in diesem Fall helfen, das Portfolio besser vor Schwankungen zu schützen.


Völlig losgelöst. Entscheidend ist nämlich nicht die Anzahl verschiedener Positionen, sondern wie stark diese miteinander korrelieren. So werden sich zum Beispiel die Aktie des deutschen Autobauers und jene des österreichischen Autozulieferers oft im Gleichschritt nach oben und nach unten bewegen. Verhalten sich zwei Anlagen völlig gleich, spricht man von einer Korrelation von +1. Ein Wert von –1 würde bedeuten, dass sich die Kurse komplett entgegengesetzt entwickeln. Das ist zum Beispiel bei bestimmten Optionsscheinen der Fall und kann in manchen Situationen gewünscht sein. Für ein gut diversifiziertes Portfolio ist aber in der Regel gefragt, dass die Korrelation gegen 0 geht, dass sich also die Positionen möglichst unabhängig voneinander entwickeln.


Während der Grundgedanke der Risikodiversifikation schon lange bekannt ist — nämlich, dass man besser auf mehrere Karten setzt —, blieb die Korrelation lange Zeit unberücksichtigt. Erst Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Arbeiten zur Korrelationsrechnung. Die Grundlage für eine professionelle Risikodiversifizierung legte schließlich in den 1950ern der spätere Nobelpreisträger Harry M. Markowitz. Aus seinen Überlegungen entstand die klassische Portfoliotheorie, mit derer Hilfe sich ein Portfolio optimal gestalten lässt.


Weniger Risiko oder mehr Ertrag. Dabei kann man zwei Ziele verfolgen: bei gleichbleibender Renditeerwartung das Risiko zu verringern oder bei gleichbleibender Risikoerwartung die Rendite zu erhöhen. Wie das möglich ist, zeigt das Beispiel auf Seite 13: Darin wird die konservative Anlage A mit der riskanteren Anlage B gemischt, die mit Anlage A negativ korreliert. In dieser Rechnung ergibt sich bei einer Mischung von ungefähr drei Teilen A zu einem Teil B das niedrigste Risiko. Mischt man die Anlagen zu gleichen Teilen, steigert man bei gleichbleibendem Risiko die Renditeerwartung.


Restrisiko bleibt immer. Bei allen Vorzügen ist Diversifikation aber kein Allheilmittel. Mit ihr lässt sich nur das „unsystemische“ Risiko reduzieren, nicht das „systemische“. Bezogen auf den Aktienmarkt heißt das etwa: Selbst wer auf Aktien aus allen Branchen und Kontinenten setzt, wird damit nicht einer allgemeinen Baisse entgehen können. Auch deshalb ist die Mischung verschiedener Anlageklassen so wichtig.


Ein anderes Problem ist, dass man die künftige Korrelation zweier Werte nur vermuten kann. Zwar lässt sich sehr gut berechnen, wie sehr zwei Werte in der Vergangenheit korreliert haben, das muss aber nicht von Dauer sein. Zum Beispiel haben der gesamte Aktien- und der gesamte Anleihenmarkt in der Geschichte schon lange Phasen mit positiver und ebensolche mit negativer Korrelation gezeigt. In Ausnahmesituationen haben sich in der Praxis zudem schon oft überraschende und deutliche Abweichungen von den Prognosen ergeben.


Profi-Lösung Analyse. Die bestmögliche Lösung dafür ist, dass man simuliert, wie sich ein Portfolio in verschiedenen realen oder fiktiven Szenarien entwickelt. So wie es die Bank Austria mit ihrer Risiko-Ertrags-Analyse anbietet. Dabei wird für Ereignisse wie etwa die Schuldenkrise in Griechenland oder einen angenommenen Zinsanstieg jeweils die komplexe Berechnung angestellt, wie ein umfangreiches Portfolio, das seinerseits aus zahlreichen breit gestreuten Fonds besteht, eine optimale Mischung aus Risiko und Renditeerwartung bietet.


Der beste Freund des Anlegers. Wie man es also den Profis überlassen kann, die Portfoliozusammensetzung für die bestmögliche Diversifikation zu berechnen, ist eine Erkenntnis auch für den einzelnen Anleger wichtig: Risikostreuung bedeutet nicht, auf Chancen zu verzichten. Oder, wie ein anderer Wirtschaftsnobelpreisträger, Merton Miller, sagte: Sie ist der beste Freund des Anlegers.

„Entscheidend ist nicht die Anzahl verschiedener Positionen, sondern wie stark diese korrelieren.“

„Entscheidend ist nicht die Anzahl verschiedener Positionen, sondern wie stark diese korrelieren.“

MERTON MILLER, NOBELPREISTRÄGER

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Fragen

an Experten

Fast alle Aktienmärkte bewegten sich im Vorjahr nach unten. Wie gut kann man innerhalb dieser Anlageklasse überhaupt noch diversifizieren?

„Im vergangenen Jahr hat die Furcht vor einer zu schnellen Straffung der Geldpolitik nicht nur eine Risikostreuung an den Aktienmärkten, sondern auch über unterschiedliche Anlageklassen hinweg fast unmöglich gemacht. Mittlerweile haben die Fed und die EZB die Märkte aber beschwichtigt. Diversifikation sollte daher wieder grundsätzlich funktionieren. Allerdings gibt es weiter große Unsicherheiten wie den Ausgang des Handelskonflikts zwischen den USA und China oder die Ausgestaltung des Brexit. Vor diesem Hintergrund können Anleger das Risiko mit einer ausbalancierten Kombination von Substanz- und Wachstumswerten streuen: Einigen sich etwa die USA und China nicht, könnten globale Dividendenaktien nicht nur stabile Erträge bieten, sondern fallen in der Regel auch nicht so stark wie andere Papiere. Löst sich der Konflikt hingegen in Wohlgefallen auf, dürften zyklische Aktien etwa aus den Schwellenländern profitieren oder auch aus Deutschland, wo in den Kursen ein Übermaß an Pessimismus eingepreist ist.“

Manuel Brunner, Vice President/Head of Banks Distribution Austria & CEE von DWS

Welche Methoden wenden Sie an, um die Diversifikation in Ihren Portfolios zu optimieren?

„Wir versuchen Diversifikation auf zwei Ebenen zu erreichen: zum einen innerhalb des Portfolios, indem wir eine hohe Anzahl an Titeln halten und breit über Sektoren und Länder streuen. Zum anderen, wenn unsere Portfolios mit anderen Fonds kombiniert werden. Die Analyse von Big Data, zum Beispiel Satellitenbilder oder GPS-Daten, ermöglicht es uns, Einblicke zu generieren, die anderen Marktteilnehmern oft verborgen bleiben oder erst später bekannt werden. Dies kann sich in Form von Mehrerträgen auszahlen, dient oft aber auch dazu, einzigartige Investitionsentscheidungen ,gegen den Strom‘ zu treffen und somit eine niedrige Korrelation im Vergleich zu ähnlichen aktiven Publikumsfonds zu erreichen.“

Javier Rodriguez-Alarcon, Leiter des Quantitative Investment Strategie-Teams für EMEA bei Goldman Sachs Asset Management

Aktien- und Anleihenmärkte bewegen sich manchmal gegenläufig, manchmal parallel.

Nach welchen Regeln korrelieren sie?

„Mittel- bis langfristig profitiert ein in verschiedene Anlageklassen (zum Beispiel Aktien und Anleihen) veranlagender Investor vom stabilisierenden Effekt der unterschiedlichen, zum Teil sogar gegenläufigen Wertentwicklungen der Anlageklassen. Es gibt jedoch auch Phasen – in der Regel bei Irrationalität und übertriebenem Aktionismus an den Märkten –, wo der risikoreduzierende Diversifikationseffekt nicht greift und sich für gewöhnlich unterschiedlich entwickelnde Assetklassen kurzfristig in die gleiche Richtung bewegen. Für aktive Fondsmanager stellen derartige Perioden von Marktverwerfungen jedoch eine Gelegenheit dar, das Engagement in dann wieder attraktiv bepreiste Positionen mit entsprechendem Ertragspotenzial zu erhöhen. Insofern sollte eine solche Phase, in der Korrelationen kurzfristig zusammenbrechen können, nicht zu befürchten sein, sondern eher als Chance für einen aktiv verwalteten Fonds gesehen werden.“

Alister Brown, Product Director bei Invesco Henley