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Silberstreif

am Horizont

„Silver Ager“ sind fit, kaufkraftstark und genießen das Leben in vollen Zügen – sehr zur Freude vieler Branchen. Diese „Silver Economy“ ist auch ein interessantes Thema für Anleger, erklärt Vafa Ahmadi.

VON JULIA THIEM

Die Silver Ager oder Best Ager stehen immer stärker im Fokus von Unternehmen und Werbetreibenden. Was verbirgt sich dahinter?

Dahinter verbergen sich der demografische Wandel und die Tatsache, dass wir dank der großen medizinischen Fortschritte nicht nur immer älter werden, sondern eben auch bis ins hohe Alter fit und agil sind — und vielleicht mit 70 noch einen Surfurlaub suchen. Dass die Bevölkerung immer älter wird, stellt uns zwar in vielen Bereichen vor große Herausforderungen, aber bringt auch wirtschaftliche Vorteile mit sich. In den Industrienationen haben die Babyboomer, die heute in Rente gehen, schon jetzt die größte Kaufkraft — weshalb sie für Unternehmen eine immer interessantere Zielgruppe werden.


Welche Branchen profitieren von dieser kaufkraftstarken Zielgruppe besonders?

Die Silver Economy ist ein globaler Megatrend, der gleich eine ganze Reihe von Branchen positiv beeinflusst. Wer bereits aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden ist, hat beispielsweise mehr Freizeit, die es zu gestalten gilt. Daher auch das Interesse der Tourismusbranche an den Silver Agern. Aber auch das Wohlbefinden spielt für diese Zielgruppe eine große Rolle. Viele wollen sich nicht nur fit fühlen, sondern auch so aussehen. Davon profitieren Kosmetikhersteller ebenso wie die Pharma- und Medizinbranche. Da die Kaufkraft im Alter größer ist, sind Silver Ager auch interessante Kunden für die Freizeitbranche, die Automobilindustrie oder Finanzdienstleister. Und dann gibt es natürlich noch die klassischen Themen im Alter wie Pflege, Medizintechnik oder Sicherheit.


Sie bezeichnen die Silver Economy als globalen Megatrend. Es sind also nicht nur die Industrienationen, deren Bevölkerungen immer älter werden?

Derzeit sind viele entwickelte Länder mit diesem Phänomen konfrontiert. Es sind vor allem die Industrienationen — insbesondere Europa und Nordamerika, aber auch Japan —, deren Bevölkerungen immer älter werden. Aber schon heute leben rund zwei Drittel der Senioren in Schwellenländern. Hier werden wir künftig auch die gravierendsten Veränderungen sehen. Bis 2050 findet man beispielsweise 65 Prozent aller neuen Senioren in Asien.


Ein globales Phänomen, von dem zahlreiche Branchen profitieren — das klingt nach einem attraktiven Anlagethema.

Was die Silver Economy aus unserer Sicht auch ist. Das neue Lebensgefühl im Ruhestand, unterstützt von der hohen Kaufkraft der Generation der Silver Ager, beflügelt die Silver Economy. Das belegen auch die Zahlen: Unternehmen aus dem Silver-Age- Universum erreichten zwischen 1996 und 2017 überdurchschnittliches Umsatz- und Gewinnwachstum im Vergleich zu den Titeln des MSCI World Index. Dieser Trend sollte in den kommenden Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit noch stärker werden.


Wie identifizieren Sie Unternehmen, die von der Silver Economy profitieren?

Gerade bei den großen Megatrends spielen unserer Ansicht nach starke Überzeugungen für die Titelauswahl eine große Rolle. Hierfür setzen wir auf eine Kombination aus Top-down- und Bottom-up-Ansatz — wir sehen uns also beispielsweise die Branchen-Statistiken sehr genau an, um attraktive Werte ausfindig zu machen, die in besonderem Maße von den Silver Agern profitieren. Gleichzeitig analysieren wir die relevanten Umsatzzahlen auf Unternehmensebene intensiv. Beides zusammen ergibt dann eine Auswahl nach Sektoren und Regionen, wobei wir als Stockpicker nach den attraktivsten Aktien Ausschau halten. Von den rund 740 Unternehmen in unserem definierten Universum schaffen es am Ende dann zwischen 80 und 100 in das Portfolio — eben die, die uns am meisten überzeugen.


Welche Branchen sind derzeit besonders attraktiv?

Wir sind derzeit im Bereich der Freizeitbranche stark engagiert, die am stärksten von der kräftigen wirtschaftlichen Aktivität profitiert. Für Fluggesellschaften erwarten wir eine positive Entwicklung des Umsatzes pro verfügbarem Sitz. Außerdem sind viele Gesellschaften derzeit niedrig bewertet. Ebenso attraktiv: Kreuzfahrtlinien. Sie freuen sich über eine robuste Nachfrage bei einer soliden Preisentwicklung, die insbesondere durch die Nachfrage aus den Industrienationen getrieben wird. Darüber hinaus haben wir ein hohes und gut sortiertes Engagement in Aktien von innovativen und disruptiven Unternehmen aus den Bereichen Medizintechnik und Biotechnologie.

Vafa Ahmadi ist seit 2006 bei der Amundi- Tochtergesellschaft CPR Asset Management, wo er zunächst als Head of Direct Investments im Global Balanced Team startete. Seit 2009 leitet er das European Thematic Equities Team.

„Wir sind derzeit in der Freizeitbranche stark engagiert, die am stärksten von der kräftigen wirtschaftlichen Aktivität profitiert.“

VAWA AHMADI

Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 1/2018 der perspektiven erschienen.

PRAKTISCH

Im Restaurant an der Côte d’Azur hätte Sebastian Sinnesfreud fast ein schlechtes Gewissen – aber zum Glück sind ja nicht alle wie Tante Hertha.

Auf die Besuche bei unserer Tante Hertha freuten wir uns als Kinder immer besonders. Die älteste Schwester meiner Mutter war nicht nur eine nette, kinderlose Dame, sondern auch äußerst spendabel. Und so durften sich unsere Sparschweine nach jeder Familienfeier auf ein Festmahl freuen. „Was mach’ ich denn sonst mit dem Geld, ich brauch’ ja selber nix“, meinte Tante Hertha immer. Der jährliche Urlaub im Salzkammergut war der einzige Luxus, den sie sich gönnte. Vielleicht noch hin und wieder einen Besuch in der Oper oder im Theater, wenn nicht gerade die Hüfte zu sehr schmerzte. Ob sie mit einem modernen künstlichen Hüftgelenk eine aktivere Seniorin gewesen wäre, die mehr von ihrem Geld ausgegeben hätte? Kann sein, ich glaube aber nicht. Es hat ja nicht nur ein technologischer und medizinischer Wandel stattgefunden, was das Altern betrifft, sondern auch ein kultureller. Zum Glück! Denn wenn alle meine Freunde leben würden wie Tante Hertha, hätte ich glatt ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich an die Côte d’Azur begebe, im Cabrio durch Lavendelfelder toure und in meinem Lieblingsrestaurant schlemme. In diesem Sinne: Gönnt euch etwas!