SERVICE

Die Kontrolle behalten

Ob Unfälle oder Altersdemenz – die steigende Lebenserwartung bringt auch Risiken mit sich. Wer für die Zukunft vorsorgen will, sollte daher über eine Vorsorgevollmacht nachdenken.

VON ELKE WILLI

EXPERTISE

Sie kennen vermutlich die gute Nachricht: Unsere Lebenserwartung steigt weiterhin an. Darüber können wir uns freuen, wir sollten jedoch damit einhergehende Risiken nicht vernachlässigen. Denn Faktum ist, dass dadurch auch die Wahrscheinlichkeit einer Geschäftsunfähigkeit zunimmt, sei es durch eine Demenzerkrankung oder einen Unfall. Daher sollten alle, die sich mit dem Thema Nachfolgeplanung und Vorsorge auseinandersetzen, auch über eine Vorsorgevollmacht nachdenken.


Denn was passiert für gewöhnlich, sollte man tatsächlich seine Einsichts- und Urteilsfähigkeit, also seine Geschäftsfähigkeit, verlieren? Dann bestimmt ein Gericht einen Sachwalter, der fortan den Geschäftsunfähigen vertritt. Das Gericht bestimmt auch, in welchen Bereichen der Sachwalter Entscheidungen für die betroffene Person treffen kann. Die Befugnis kann etwa auf die Vertretung vor Behörden beschränkt sein, sie kann aber auch sämtliche Lebensbereiche umfassen (außer höchstpersönliche wie etwa Eheschließung). Der Sachwalter stammt für gewöhnlich aus dem Familienkreis, es werden jedoch immer wieder auch externe Personen, etwa ein Notar oder ein Rechtsanwalt, bestellt. Denn in manchen Fällen gibt es keine direkten Familienangehörigen oder diese leben im Ausland oder erscheinen dem Gericht nicht geeignet.


Genaue Vorgaben möglich. Sie möchten nicht von einem Gericht bestimmen lassen, wer im Fall des Falles an Ihrer statt welche Entscheidungen trifft? Mittels einer Vorsorgevollmacht kann jeder selbst seinen Stellvertreter auswählen — jemanden, dem man vertraut, und dem man auch fachlich zutraut, etwa in Vermögensangelegenheiten adäquat zu agieren. Jedenfalls muss für die Errichtung einer Vorsorgevollmacht die betroffene Person noch geschäftsfähig oder einsichts- und urteilsfähig sein. Die Vorsorgevollmacht schafft die Möglichkeit, die Kontrolle über das eigene Leben auch über den Eintritt einer Geschäftsunfähigkeit hinaus zu behalten. Denn man kann dem Bevollmächtigten auch sehr genaue inhaltliche Vorgaben machen. Auf welche Konten hat er Zugriff? Darf die Wohnung verkauft werden? Soll die Wohnung, falls notwendig, behindertengerecht umgebaut werden? Soll das ganze Vermögen für mobile Pflege aufgewendet werden, um nicht ins Pflegeheim übersiedeln zu müssen?


Ein vom Gericht bestellter Sachwalter ist lediglich ganz allgemein dazu verpflichtet, zum Wohle des Betroffenen zu entscheiden — was einen großen Spielraum offenlässt. Mit einer Vor- sorgevollmacht behält man die Fäden bis zu einem gewissen Grad in der Hand. Ein weiterer Vorteil: Oft wissen Lebensgefährte oder Kinder gar nicht, welche Vermögenswerte vorhanden sind. Sollen sie die Informationen im Fall des Falles erhalten? Auch das kann in der Vollmacht festgehalten werden.


Vertrauensfrage. Auf der anderen Seite muss einem bewusst sein, dass ein vom Gericht bestellter Sachwalter der Kontrolle durch ebenjenes Gericht unterliegt und über sämtliche Ausgaben genau Rechenschaft ablegen muss. Ein von mir selbst Bevollmächtigter unterliegt dieser Kontrolle nicht und hat daher im Rahmen der Vorgaben ein wenig mehr Freiheiten — deshalb sollte es sich wirk- lich um eine Vertrauensperson handeln. Oder auch um mehrere, denn auch diese Möglichkeit bietet die Vorsorgevollmacht. Zum Beispiel können die Bereiche Finanzen und Vermögensverwal- tung einerseits und Pflege und Gesundheit andererseits zwei un- terschiedlichen Personen anvertraut werden. Grundsätzlich kön- nen auch mehrere Personen gemeinsam für ein Thema verant- wortlich sein — das kann jedoch Konfliktpotenzial schaffen.


Lieber mit Notar. Hat man sich dafür entschieden, welcher Person man welche speziellen Befugnisse überträgt, gilt es, die For- mvorschriften zu beachten. Einen Fehler kann man nämlich bei Errichtung einer Vorsorgevollmacht begehen: Einfach das entsprechende Formular aus dem Internet herunterzuladen und es auszufüllen, reicht nicht aus. Betrifft die Vollmacht nämlich Entscheidungen über dauerhafte Änderungen des Wohnorts, medizinische Behandlungen oder größere Vermögensangelegen- heiten, so muss sie vor einem Notar, vor einem Rechtsanwalt oder bei Gericht errichtet werden. Später kann die Vollmacht jed- erzeit wieder geändert werden, sollten sich zum Beispiel größere Änderungen bei den Vermögenswerten oder den persönlichen Umständen ergeben.

Elke Willi ist Vermögens- nachfolge- und Stiftungs- expertin im Bank Austria Private Banking.

„Man kann dem Bevollmächtigten sehr genaue inhaltliche Vorgaben machen. Auf welche Konten hat er Zugriff? Darf die Wohnung verkauft werden?“  ELKE WILLI

PRAKTISCH

Alois Anrainer hat definiert, wer ihn im Falle des Falles vertreten soll:

Das Schicksal meines Freundes Os- wald hat mich wachgerüttelt: Er leidet an Alzheimer, und eines Ta- ges bestellte das Gericht einen An- walt als Sachwalter. Ihm wäre wohl lieber gewesen, sein jüngerer Bru- der hätte diese Aufgabe übernom- men. Der weiß nämlich recht gut, welche Bedürfnisse Oswald hat und welche Wünsche er ernst neh- men sollte – für den Sachwalter, der losen Kontakt hält, ist das kaum möglich. Ich habe mich deshalb um eine Vor-

sorgevollmacht gekümmert: Um ge- sundheitliche Fragen, meine Wohn- und Betreuungssituation und so wei- ter wird sich mein ältester Sohn kümmern. Er ist sehr fürsorglich und ich bin mir sicher, dass er gute Ent- scheidungen treffen wird. Nur für die Verwaltung meines Vermögens möchte er keine Verantwortung übernehmen – er ist kein Zahlen- mensch, und das weiß er. Dafür hat sich meine Nichte bereiterklärt, die als Controllerin gute Voraussetzun- gen mitbringt.

Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 1/2017 der perspektiven erschienen.