MARKT

Über Nacht zum Einzelstück

Das Vorarlberger Unternehmen 1zu1 Prototypen beliefert Produktdesigner, Wissenschaftler und Industrieunternehmen. Zwischen den Arbeitsschichten läuft die Produktion vollautomatisch weiter.

VON CHRISTIANE KAISER-NEUBAUER

REFERENZ

Es sind durchwegs hoch komplexe und herausfordernde Projekte. Das ist aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit der Aufträge, die das Unternehmen 1zu1 Prototypen GmbH & Co KG für seine Kunden erbringt. Das Digitalisieren einer Rennrodel für das österreichische Nationalteam, die Kugelschreiberkollektion aus dem Hause Swarovski oder ein Roboter-Modell für die Raumfahrt sind nur einige Referenzen der Vorarlberger Hightech- Betriebs. „Wir konnten unseren Kunden bisher immer Lösungen anbieten, die sie noch nicht kannten. So waren sie mit ihren Produkten deutlich schneller am Markt als die Konkurrenz“, sagt Hannes Hämmerle, Geschäftsführer von 1zu1. Dieser Mix aus Geschwindigkeit und Know-how brachte ihm und seinem Mitgründer Wolfgang Humml nach dem Firmenstart 1996 rasch Erfolg. „Ich wollte die Verantwortung im Berufsleben in die eigene Hand nehmen. Es war aber auch immer mein Ziel, dies mit einem Partner zu tun, um die Last, aber auch den Erfolg zu teilen“, erklärt der Betriebswirt Hämmerle den Schritt in die Selbstständigkeit. Nach acht gemeinsamen Jahren beim Lichthersteller Zumtobel wagte das Duo den Absprung. Die ersten Modelle aus vakuumgegossenem Kunststoff fertigten die beiden Jungunternehmer in einem Rohbau in Dornbirn.


Werkzeugfertigung als Wachstumstreiber. Heute zählt der Druck- und Spritzgussspezialist mehr als 150 Mitarbeiter, die im Vorjahr 16,4 Millionen Euro Umsatz erwirtschafteten. Der Siegeszug der 3D-Drucktechnologie hat 1zu1 einen entscheidenden Impuls gegeben und einen kräftigen Umsatzschub beschert. Aktuell liegt das Unternehmen im Bereich 3D-Druck deutlich über den Erwartungen und erzielt zweistellige Zuwachsraten — trotz Preisverfalls am Markt. „Am stärksten wächst bei 1zu1 die Herstellung von Aluminiumwerkzeugen, mit denen wir für unsere Kunden Prototypen oder Serienbauteile im Spritzguss herstellen. Hier wollen wir den Absatz bis zum Jahr 2020 auf rund 50 Prozent des Geschäftsvolumens ausbauen“, sagt

Hämmerle. Mit dem sogenannten Rapid Tooling werden Werkzeuge in Expresszeit von wenigen Wochen hergestellt und die damit fertigbaren Spritzgussteile können absolut seriennahe und rasch getestet werden. Zum Einsatz kommen Fräsmaschinen mit angeschlossenem Roboter-Handling-System. Damit erfolgt der Werkzeugbau bei 1zu1 quasi vollautomatisch über Nacht, ohne Zutun der Mitarbeiter.


Keime müssen draußen bleiben. Produktdesigner, Wissenschaftler und Künstler bestellen bei 1zu1 Einzelstücke und Kleinserien. Eine Produktidee des Kunden wird zunächst in ein virtuelles Modell übersetzt und der Prototyp in der Folge mittels 3D- Drucktechnologien gefertigt, wahlweise aus Kunststoff oder Gummi. Nach Tests und nötigen Anpassungen ist die Serienfreigabe das Ziel. „Dank der ‚Additiven Fertigung‘ können wir in einem Durchlauf unterschiedliche Versionen eines Produkts herstellen, was dem Trend zur Individualisierung Rechnung trägt“, sagt Hämmerle. 1zu1 betreibt auch eine Reinraum-Anlage, in der bakterien- und keimfreie Prototypen für die Mikroelektronik und Medizintechnik hergestellt werden. Die Exportquote von 1zu1 liegt bei 85 Prozent, dennoch stammen diese Umsätze großteils aus der Euregio Bodensee: Die Kunden, durchwegs in unterschiedlichen Branchen beheimatet, sitzen meist nur wenige Kilometer entfernt in der Schweiz, Liechtenstein und Deutschland. Daimler, Playmobil, Roche Diagnostics, Hirschmann sowie universitäre Forschungsinstitute sind nur einige der Referenzen.


Mailen oder schwätzen? Für den Geschäftserfolg immer wichtiger

ist das Internetangebot. Schnell und einfach können Kunden auf der Homepage www.1zu1prototypen.com über den Online- Konfigurator ihre Bauteile individuell zusammenstellen. Druck und Versand der Werkstücke erfolgen binnen weniger Tage. „Wir müssen die Kunden dort abholen, wo sie sind. Die Internet- Generation ruft nicht an, sondern sucht im Netz nach den entsprechenden Angeboten“, sagt Hämmerle. Das etablierte Unternehmen setzt gleichzeitig aber auch auf traditionelle Marktplätze und nimmt mehrmals im Jahr an internationalen Messen teil. Hämmerle nützt diese Gelegenheit, mit den Leuten „zu schwätzen“, wie es im Ländle heißt, gerne. „Da kommen wir in persönlichen Kontakt und erfahren, welche Themen unsere Kunden gerade umtreiben. Wertschätzung ist auch im Geschäftsleben wichtig. Diese können Sie nur Auge in Auge mit einem Handschlag vermitteln und nicht über ein E-Mail“, sagt Hämmerle.


Urlaub muss sein. Ein Credo, an das er sich auch bei seinen Mitarbeitern hält. 1zu1, das im Vorjahr als bestes Familienunternehmen Vorarlbergs ausgezeichnet wurde, überlässt den Teams in den einzelnen Abteilungen maximalen Entscheidungsspielraum. Diese agieren wie kleine Unternehmen im großen Ganzen. „Unternehmer glauben häufig, ohne sie geht es nicht. Aber das stimmt nicht. Dazu muss man natürlich die

Mitarbeiter entsprechend schulen und ihnen vertrauen“, sagt Hämmerle. Mit ruhigem Gewissen nimmt sich das innovative Geschäftsführungsduo deshalb auch selbst regelmäßige Auszeiten. Und das nicht erst, seit sich der Erfolg eingestellt hat: Entgegen dem Bild des rastlosen Unternehmensgründers haben sich Hämmerle und Humml von Beginn an fünf Wochen Urlaub im Jahr verschrieben.

Hannes Hämmerle hat ge- meinsam mit einem Part- ner den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt.

Automatisiert und keimfrei: moderne Druck- und Spritzgusstechnik.

„Unternehmer glauben häufig, ohne sie geht es nicht. Aber das stimmt nicht.“

HANNES HÄMMERLE

Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 3/2017 der perspektiven erschienen.

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