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Was leitet die „Leit-Zinsen“?

Hohe Zinsen freuen Sparer – aber nur, solange diese nicht ihren Arbeitsplatz und ihr Einkommen gefährden. Die niedrigen Zinsen haben die Wirtschaft in der Krise stabilisiert. Heute erscheint diese so weit bewältigt, um einen anderen Kurs einzuleiten.

VON PETER MOOSLECHNER

Die österreichische Zinslandschaft wird von den Leitzins- Entscheidungen der EZB geprägt. Die Oesterreichische Nationalbank wirkt in Person ihres Gouverneurs Ewald Novotny als Teil des Eurosystems an dieser Entscheidungsfindung mit. Das Mandat der EZB sieht vor, dass sie mit ihrer Geldpolitik zu einem stabilen Preisniveau und zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung beiträgt. Daher kann es Zinsen auf Bankeinlagen nur auf einem Niveau geben, das gesamtwirtschaftlich durch (kreditfinanzierte) Wirtschaftsaktivität — vor allem Investitionen — erwirtschaftet werden kann. Möglichst hohe Zinssätze auf Sparguthaben mögen dem Sparer auf den ersten Blick wünschenswert erscheinen; doch das gilt nur so lange, wie durch hohe Zinsen nicht Wirtschaftswachstum, Beschäftigung und somit die Haupteinkunftsquellen der Sparer gefährdet werden.


Den ganzen Euroraum betrachten. In der Krise stand die Gefahr einer Deflation im Raum. Wenn aber viele Preise ständig sinken, werden Wirtschaftsakteure Konsum und Investitionen aufschieben. Dadurch gehen dann Unternehmen pleite, die Beschäftigung bricht ein, die Arbeitslosigkeit steigt und Banken kommen in Probleme. Indem man in einer solchen Situation die geldpolitischen Leitzinsen senkt und Liquidität bereitstellt, stabilisiert man das Preisniveau, den Wirtschaftskreislauf und die Beschäftigung. In Österreich war die Deflationsgefahr weniger direkt spürbar als anderswo im Euroraum. In einem gemeinsamen Währungsraum kann es aber nur eine einheitliche Geldpolitik geben, die sich am Gesamtraum orientiert. Und aufgrund intensiver Handelsbeziehungen innerhalb des Euroraums ist die Preis- und Wirtschaftsentwicklung anderer Länder — mit oder ohne Währungsunion — durch Exporte und Importe auch ein entscheidender Faktor für den heimischen Wohlstand.


Die Kunst des richtigen Zeitpunkts. Ob eine konkrete Geldpolitik „richtig“ war oder ob die geldpolitische Stabilisierung ausreichend ist, ist letzten Endes erst im Nachhinein einzuschätzen. Heute erscheint die Krise so weit bewältigt, um geldpolitisch einen anderen, einen weniger expansiven Kurs einzuleiten. Dabei wird zunächst die Liquiditätsversorgung des Bankensystems schrittweise eingeschränkt, und in späterer Folge werden die Zinsen wieder nach oben angepasst. Wie immer ist der richtige Zeitpunkt dafür mehr eine „geldpolitische Kunst“ als eine „berechenbare Gewissheit“. Die seit dem Vorjahr anhaltende robuste konjunkturelle Entwicklung bietet dafür jedoch gute Voraussetzungen

Peter Mooslechner leitet als Direktor der Oesterreichischen Nationalbank das Ressort Finanzmärkte, Internationale Beziehungen und Rechnungswesen.

Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 1/2018 der perspektiven erschienen.