MARKT

Transformation

ist wie Popcorn

Warum Big Data ehrlicher ist als der selbst ausgefüllte Fragebogen, wie das zu passenden Investments führt und warum exponentiell verlaufende Entwicklungen wie Popcorn sind, verrät Transformationsexperte Philipp Wagner.

VON JULIA THIEM

Digitalisierung verändert unser Leben in allen Bereichen. Wie tut sie das bei Investments?

Die Digitalisierung verändert, wie wir an Informationen gelangen, und eröffnet uns dank stärkerer Vernetzung neue Investitionsmöglichkeiten. Denken Sie an Peer-to-Peer-Kredite, über die Privatpersonen anderen Privatpersonen ein Darlehen gewähren. Auch Crowdfunding und -lending, Micropayment oder Robo Advisors werden die Investmentlandschaft verändern.


Haben diese Veränderungen einen Mehrwert für Anleger?

Davon bin ich überzeugt. Es gibt heute viel mehr Möglichkeiten und Kanäle, um sich über Geldanlagen zu informieren. Selbst komplexe Sachverhalte können einfach und verständlich aufbereitet werden und erreichen damit mehr Menschen. Zudem macht die Digitalisierung viele Investment-Dienstleistungen besser skalierbar. Das heißt, man kann sie kostengünstig einem breiteren Publikum anbieten. Wenn Sie so wollen, sorgt die Digitalisierung für eine stärkere Demokratisierung der Investmentbranche, indem sie mehr Anlegern einen breiteren Zugang zur Geldanlage ermöglicht. Bezieht man dann noch Stichworte wie Big Data oder künstliche Intelligenz in die Gleichung mit ein, können auch Investmentgesellschaften mehr über ihre Anleger, deren Wünsche sowie ihr Verhalten lernen und auf dieser Basis personalisierte Lösungen präsentieren.


Was verstehen Sie unter personalisierten Investmentlösungen?

Bislang hat ein Berater „nur“ seine Erfahrung und die Angaben des Kunden, um daraus etwa Investitionsvorschläge abzuleiten. Mit Hilfe von Big Data ist es nun möglich, auch aus dem tatsächlichen Kundenverhalten zu lernen. Oft gibt es beispielsweise eine Diskrepanz zwischen den Risikopräferenzen, die ein Kunde in einem Fragebogen angegeben hat, und seinem tatsächlichen Verhalten. Dieses Wissen können Gesellschaften nutzen, um Anlegern beispielsweise ihren Bias zu nehmen. Das hat vor allem für Kunden einen entscheidenden Vorteil: Es werden nicht einzelne Produkte gepusht. Diese Zeiten sind vorbei. Vielmehr sind die Anlagelösungen optimal auf den Kunden zugeschnitten. Genau das ist Personalisierung.


Irgendwie klingt das nach Zukunftsmusik. Wann werden solche positiven Auswirkungen der Digitalisierung für Anleger zu spüren sein?

Das sind sie bereits. Nehmen wir das Beispiel Robo Advisors. Damit kommen auch Kleinanleger in den Genuss der Vermögensverwaltung. Transformation findet also bereits statt. Grundsätzlich verläuft die aber nicht linear, sondern exponentiell. Ein schönes Bild hierfür ist Popcorn, das man sich in der Pfanne macht: Erst passiert nichts, man wundert sich vielleicht schon, ob der Herd überhaupt an ist oder das Öl reicht, und plötzlich explodieren alle Maiskörner auf einmal.


Gibt es andere Technologie-Trends, die ebenfalls auf die Investmentlandschaft „überschwappen“ könnten?

Ich denke, Sprachassistenten wie Alexa und Co könnten an Bedeutung gewinnen. Vielleicht will man als Anleger noch keine kompletten Transaktionen an diese kleinen Helfer abgeben, aber Informationsabfragen — etwa des Kontostands, von Depotwerten oder personalisierten Marktinformationen — würde ich als nützlich einstufen. Was wir uns beispielsweise auch sehr genau anschauen, ist das Thema Virtual Reality. Viele Unternehmen nutzen diesen technologischen Fortschritt auf Messen schon sehr intensiv. Auf die Investmentbranche übertragen, können bereits virtuelle Rundgänge durch die Objekte eines Immobilienfonds angeboten werden — der Anleger sieht und erlebt sein Investment.


Nun bringt die digitale Transformation auf Unternehmensseite nicht nur Gewinner hervor. Viele Geschäftsmodelle, teils seit vielen Jahren etabliert, verschwinden. Wie kann ich als Anleger die Gewinner von den Verlierern unterscheiden?

Dafür bedarf es eines Screenings, wie es Fondsmanager für die Aktienauswahl nutzen. Grundsätzlich kann man sagen, dass es mit Blick auf die Digitalisierung drei interessante Kategorien von Unternehmen gibt: Digital Enabler, Digital Business Leader und Digital Transformation Leader. Unter einem Digital Enabler versteht man ein Unternehmen, das Digitalisierung überhaupt erst möglich macht, also beispielsweise die nötige Infrastruktur oder eine Virtual-Reality-Brille liefert. Zu den Digital Business Leadern zählen Firmen, deren Geschäftsmodell rein auf der Digitalisierung beruht: Facebook oder Google wären Beispiele. Die Digital Transformation Leader sind keine homogene Gruppe. Manche arbeiten intern sehr intensiv an der Planung, ohne allzu viel nach außen dringen zu lassen. Andere arbeiten offener, strecken ihre Fühler in verschiedene Richtungen aus, haben bereits einen Plan für ihre Neuausrichtung. Diese Innovativen schätzen wir für unsere Investmententscheidungen am attraktivsten ein.

Philipp Wagner ist seit 2016 bei der DWS und dort Head of Transformation & Data Analytics für die DWS Digital Investment Plattform. Zuvor war er über neun Jahre als Strategieberater bei Capgemini Consulting – auch hier mit einem thematischen Fokus auf digitale Transformation, Big Data und Analytics-Strategien. Wagner hat einen Master in Business & Information Technology der Friedrich-Alexander- Universität Erlangen- Nürnberg.

„Transformation verläuft nicht linear,

sondern exponentiell.“

PHILIPP WAGNER

Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 2/2018 der perspektiven erschienen.

PRAKTISCH

Ulrich Umlader beteiligt sich gerne an allen Unternehmen, die von der Digitalisierung profitieren. Obwohl ihn manche Errungenschaften schon Nerven gekostet haben …

Erinnern Sie sich noch, wie es war, während einer Autofahrt mit Landkarte zu navigieren? Ich schon – aber wie man es macht, habe ich verlernt. Denn als letztens mein Navi versag- te, war ich nahe an der Verzweiflung und kam eine halbe Stunde zu spät zu meinem Termin. Achten Sie einmal einen Tag lang darauf, in wie vielen Situationen Ihnen Anwendungen digitaler Technologien begegnen – es ist beeindruckend! Von Jahr zu Jahr, nein: von Woche zu Woche werden es mehr. Hin- ter jeder Anwendung steckt ein Unternehmen. Und in vielen

davon bin ich investiert, denn diese Entwicklung lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Auch wenn sich manchmal die am längsten erprobte ,Technik‘ als die praktischste erweist: Auf mei- ner Irrfahrt habe ich schließlich eine nette ältere Dame nach dem Weg gefragt. Ohne sie wäre ich wohl noch heute gefangen in diesem Labyrinth aus Einbahnen.

MEHR ZUM THEMA MARKT