LEBEN

Foto: Graphisches Atelier NEumann

39 Millionen Euro zahlte die OeNB in Summe für die 44 historischen Instrumente ihrer Sammlung. Mittlerweile sind sie wohl deutlich mehr wert, werden doch für eine Stradivari schon bis zu 6 Millionen Euro erzielt.

Die teuerste Violine wird blind erkannt

Die Preise von Stradivaris und Guarneris sind unglaublich, doch ihr Klang ist unvergleichlich, erläutert Marguerite Kurz, Kuratorin der Instrumentensammlung der Nationalbank.

VON markus deisenberger

WERT&SCHÖN

Wie kommt die OeNB zu einer Instrumentensammlung?

Als wir 1989 die Goldmünze „Wiener Philharmoniker“ herausgaben, machte uns das Orchester darauf aufmerksam, dass viele der alten, wertvollen Instrumente aufgekauft werden und irgendwo in Tresoren verschwinden. So wurde die Idee geboren, europäisches Kulturgut zu bewahren. Wir sammeln die Instrumente ja nicht für uns, sondern stellen sie österreichischen Musikern zur Verfügung, die den tollen Klang dieser Instrumente in die ganze Welt hinaustragen.


Nach welchen Gesichtspunkten werden Instrumente und Leihnehmer ausgewählt?

Zuerst wird im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung ermittelt, welche Händler ein spezielles, von uns gesuchtes Instrument, eine Stradivari etwa, zur Verfügung haben. Dann werden die Angebote unserem Expertengremium vorgelegt. Auch für die Vergabe an die Künstler haben wir ein Gremium, dem wir die Bewerbungen vorlegen.


Der Preis für Instrumente ikonischer Geigenbauer kletterte seit 1960 auf das Zweihundertfache, schätzt die Stradivari Society in Chicago. Wie viel davon ist dem Mythos geschuldet?

Der Mythos spielt dabei sicher eine Rolle. Aber: Die Musiker sagen, der Klang einer Stradivari sei nachhaltig besser als jener jüngerer Instrumente. Alle uns angebotenen Instrumente werden während des Vergabeverfahrens auch probegespielt. Bei der letzten Blindvorführung war unter den zehn Geigen eine Guarneri del Gesù. Beide Konzertmeister haben sie auf Anhieb erkannt.


Angenommen, ich möchte als Privater in eine Stradivari investieren: Was muss ich beachten?

Da gibt es viele Problematiken: Provenienz etwa. Wo befand sich das Instrument in den Kriegsjahren? Oder: Ist das Instrument tatsächlich von Antonio Stradivari gefertigt oder „nur“ von einem seiner Söhne? Als Privater ist es wohl ratsamer, sich Fonds, Anleihen oder Aktien zu kaufen.


Macht Sie der Wert der verwalteten Instrumente manchmal nervös?

Bei einem Probespielen fingen die enthusiasmierten Händler und Musiker einmal an, die gespielten Stradivaris – darunter eine aus unserer Sammlung – untereinander zu tauschen. Da wird man schon nervös. Aber grundsätzlich muss man den Wert ausblenden, sonst wird man verrückt. Ab und zu, wenn ich mit einem Geigenkoffer wo hinfliege, werde ich scherzhaft vom Sitznachbarn gefragt: „Und? Da ist sicher eine Stradivari drin, oder?“ Ich sag dann immer ganz bescheiden: „Nein, nein. Das ist nur ein einfaches Schülerinstrument.“


© Philipp Tomsich

Marguerite Kurz

kuratiert die Instrumentensammlung der Oesterreichischen Nationalbank, darunter acht Violinen von Antonio Stradivari und zwei von Giuseppe Guarneri del Gesù.