MARKT

Steinzeit-Gefühle an der Börse

Anleger handeln irrational und tappen immer wieder in dieselben Fallen. Die dahinterliegenden Verhaltensmuster nutzten dem Menschen in der Urzeit – bei der Kapitalanlage tun sie es nicht. Wie kann man sie ausschalten oder umgehen?

VON JULIA THIEM

© shutterstock/bizvector/Montage Egger & Lerch

Von unseren Vorfahren unterscheidet uns einiges – viele Verhaltensmuster blieben aber erhalten.

„Anleger sind auch nur Menschen“, sagt Hans-Jörg Naumer, Glo- bal Head of Capital Markets & Thematic Research bei Allianz Glo- bal Investors, und bringt damit schmunzelnd die Grundsätze der Behavioral-Finance-Theorie auf den Punkt. Was er meint: Be- stimmte Verhaltensmuster sind seit der Steinzeit tief in unserem Gehirn verankert (siehe Seite 14). Doch während diese Instinkte einst das Überleben der Spezies Mensch sicherten, bringen sie heute so manchen Anleger um sein Erspartes. „Wir zeigen Verhal- tensmuster, die sich über die Jahrhunderttausende als wichtig im Überlebenskampf erwiesen haben, die aber heute in die Irre füh- ren können“, erklärt Naumer. „Wir lernen nur sehr beschränkt aus den Fehlern unserer Vergangenheit und verfallen gerne wie- der in alte Muster zurück. Denn wir merken nicht, wann der prä- historische Teil unseres Gehirns arbeitet und wann der moderne, rationale.“


Von der Vorstellung, dass der Mensch stets wirtschaftlich und ra- tional handelt, kam man seit den Siebzigern ab. Damals veröffent- lichte der israelisch-amerikanische Psychologe Daniel Kahneman gemeinsam mit seinem Kollegen Amos Tversky die „Prospect Theory“, ein Modell menschlicher Entscheidungen, das den Um- gang mit Risiken neu definierte. Beide legten damit den Grund- stein der Verhaltensökonomie. Eine ihrer Kernthesen: Menschen werden stärker durch Verluste als durch Gewinne motiviert, was zu kognitiven Verzerrungen, auch Biases genannt, führt.


Überschätzte Kompetenz. Für Prof. Martin Weber von der Universi- tät Mannheim ist der ständige Drang, handeln zu müssen, eines der Kernprobleme vieler Anleger. Dieser und die Angst vor dem Unbekannten seien tief in uns verankert, würden jedoch auch dazu führen, dass wir bei der Kapitalanlage viele falsche Entschei- dungen treffen, sagt der Experte für Verhaltensökonomie: „Der Privatanleger hat keinen Informationsvorsprung vor dem Markt. Der Versuch, taktisch zu handeln, kann deshalb nur scheitern. Kapitalanlage ist dann gut, wenn sie langweilig ist.“


Ein weiterer Trugschluss: Eine höhere Ver- trautheit führe auch zu einer vermeintlich höheren Kompetenz in der Bewertung. „Fragt man beispielsweise einen deutschen Anleger, ob er die Aktie von VW oder General Motors besser bewerten kann, würde sich dieser eine höhere Kom- petenz bei der Bewertung von VW zu- trauen. Bei einem US-Anleger wäre die vermeintliche Kompetenz hingegen bei General Motors höher“, erklärt Prof. We- ber. Hier liegt auch einer der Gründe für den vielverbreiteten Homebias — die zu starke Gewichtung heimischer Titel.


Emotionen überwinden ist schwer. Nun ist dieses irrationale Verhal- ten der Anleger seit Langem bekannt, weshalb man denken könn- te, dass diese Selbsterkenntnis auch zu rationaleren Entscheidun- gen führt. Doch weit gefehlt. „Auf ein ‚Erkenne dich selbst‘ müss- te ein ‚Überliste dich selbst‘ folgen“, erklärt AllianzGI-Experte Naumer. Doch gegen die eigenen Emotionen anzukämpfen, sei schwer. „,Kaufe billig und verkaufe teuer‘ ist leichter gesagt als ge- tan. Rational erkennen wir, dass dies die richtige Strategie ist. Trotzdem verkaufen viele Anleger erst, wenn die Aktien stark ge- fallen sind, und warten anschließend mit dem Wiedereinstieg zu lange. Die Angst steht ihnen im Weg.“


Strategie vor Taktik. Die Frage ist also, welcher Weg aus diesem Di- lemma hinausführt. Für Prof. Weber ist es klar eine breite, inter- nationale Streuung der Kapitalanlage, getreu seinem Grundsatz: je langweiliger, desto besser. Zudem sieht er klare Vorteile in der Beratung: „Ein guter Berater gibt keine Aktientipps, sondern hilft mit klaren Konzepten, eine gemeinsam definierte Strategie umzu- setzen, was die Anleger dabei unterstützt, die Unsicherheit der Zukunft zu akzeptieren.“ Und auch für Hans-Jörg Naumer geht Strategie vor Taktik: „Wenn ich strategisch investiere, lege ich bei- spielsweise fest, welche Schwankungen ich ertragen kann, und bestimme so etwa den Aktienanteil meines Portfolios. Habe ich diese strategische Entscheidung getroffen, kann ich die Umset- zung auch an einen Profi wie einen Fondsmanager übergeben, dessen tägliches Brot es ist, mit Risiken umzugehen.“


Doch sind nicht auch Berater und Fondsmanager ‚nur‘ Menschen, die den gleichen Verzerrungen unterliegen wie Anleger? Nicht un- bedingt, sagt Prof. Weber. Der Dispositionsaspekt, also die Tatsa- che, dass man auch handeln will, wenn man schon Aktien besitzt, sei bei professionellen Händlern deutlich weniger ausgeprägt als bei Privatanlegern. Und Naumer wirft ein, dass Risiken im profes- sionellen Umfeld beispielsweise von einer dritten Instanz kontrol- liert werden oder genau festgelegt wird, in welcher Ausgestaltung ein Fondsmanager investieren darf.


Klare Prozesse helfen. Eine weitere Möglichkeit, irrationale Verhal- tensmuster und Emotionen bei der Kapitalanlage gänzlich auszu- blenden, seien zudem klar definierte Prozesse, sagt Jens Maier, Chief Client Officer bei der Tetralog Systems AG. Maier ist Teil ei- nes Teams aus Psychologen, Mathematikern, Statistikern, Wirt- schaftswissenschaftlern und Softwareingenieuren, das Lösungen für den Beratungsprozess entwickelt — unter anderem auch für die Bank Austria. „Die Struktur des Portfolios macht 80 Prozent der Performance aus. Deshalb steht am Anfang des Beratungspro-

zesses auch eine fundierte Profilierung des Kunden, und zwar über die rechtlichen Anforderungen hinaus. Hierfür haben wir ei- nen psychologischen Risikotest entwickelt, dessen Ergebnis im Rahmen der Beratung bei der Auswahl der passenden Portfolio- struktur berücksichtigt wird“, erklärt Maier den Prozess. Aufgabe des Beraters sei es, seinen Kunden gut zu kennen, etwa auch zu wissen, wie hoch seine Delegationsbereitschaft ist. Auf Basis der Portfoliostruktur und je nach Vorlieben des Kunden können dann innerhalb der Assetklassen individuelle Vorschläge besprochen werden.


Für Maier liegt der große Vorteil in einem solch strukturierten Prozess, dass Emotionen — sowohl beim Anleger als auch beim Berater — bei der Portfolio-Zusammenstellung komplett ausge- blendet werden. „Unsere Software hilft außerdem dabei, eine langfristige Investitionsstrategie aufrechtzuerhalten, was dem Pri- vatanleger gerade über einen längeren Zeithorizont kaum ge- lingt“, wirft Maier ein. Denn ohne langfristige Strategie fällt jeder von uns in alte, sehr alte Muster zurück. Die sind vielleicht hilf- reich, um Säbelzahntigern zu entkommen und Mammuts zu jagen — aber an der Börse ist das selten gefragt.

© Martin Joppen

Prof. Martin Weber leitet die „Behavioral Finance Group“ an der Universität Mannheim.

Hans-Jörg Naumer ist Leiter der Kapitalmark- tanalyse bei Allianz Global Investors.

Jens Maier von Tetralog ist Experte für Portfolio-Analyse.

„Wir merken nicht, wann der prähistorische Teil unseres Gehirns arbeitet und wann der moderne, rationale.“ HANS-JÖRG NAUMER

Die größten Fallen

Homebias

Wir glauben, heimische Titel besser zu kennen, und investieren deshalb verstärkt vor der eigenen Haustür statt gut diversifiziert.


Branchenfokus

Funktioniert ähnlich wie der Homebias: Die Branche, in der man selbst tätig ist, ist häufig auch im Portfolio übergewichtet.


Vergessene Veränderung Anleger achten nicht darauf, dass Kursänderungen das Gewicht der Assetklassen im Portfolio beeinflussen, was es auszugleichen gilt.


Verluste aussitzen

Ein echter Klassiker: Trotz herber Verluste wird ein Wertpapier weiter gehalten. Besser: verkaufen und Verluste anderswo wieder gutmachen.


Investieren nach Gefühl

Der Zufall ist ein schlechter Ratgeber bei der Kapitalanlage. Wer eine klare Strategie hat, kann diese diszipliniert umsetzen und Emotionen besser ausblenden.


Risikoblindheit

Wohl dem, der ein wahrer Optimist ist. Doch von Chancen lässt man sich oft allzu leicht blenden und übersieht die Risiken.

RATIO ODER EMOTION –

SO FUNKTIONIERT UNSER GEHIRN

Laut Gehirnforschung gibt es zwei Regionen in un- serem Gehirn, die für die Verhaltensökonomie wichtig sind. Im Neo-Kortex ist die Logik verankert. Hier planen und kalkulieren wir, treffen strategische Entscheidungen. Dem gegenüber steht das limbi- sche System. Es ist der ältere Teil und steht für Emotionen wie Angst oder Aufregung. In der Stein- zeit sicherten Emotionen mit anschließend schneller Reaktion unser Überleben, nicht die Logik. Und so arbeitet unser Gehirn noch heute.

Dieser Artikel ist erstmals in Ausgabe 2/2017 der perspektiven erschienen.

PRAKTISCH

Sebastian Sinnesfreud kennt seine Stärken und Schwächen und setzt deshalb auf Vermögensmanagement.

Wenn mir ein Wein besonders mundet oder ein Konzert gut ge- fällt, gerate ich leicht ins Schwär- men. Das ist an sich ein schöner Charakterzug, aber es ist nicht in allen Lebenslagen hilfreich, dass man leicht für etwas zu begeistern ist. Bei Wein und Konzerten kann wenig schiefgehen. Aber es ist mir auch schon passiert, dass mich ein Zeitungsartikel über ein aufstre- bendes Unternehmen dazu ge- bracht hat, sofort viel Geld in die Firma zu investieren – das war kei-

ne gute Idee. Heute weiß ich, dass ich mir mit meinen Emotionen an der Börse leicht die Finger verbren- nen kann. Deshalb überlasse ich seit ein paar Jahren die Entscheidung über die einzelnen Positionen in mei- nem Portfolio den Managern meines VermögensManagement 5Invest. Das lohnt sich nicht nur finanziell: Dadurch, dass ich mir keine Gedan- ken mehr über die täglichen Entwick- lungen des Markts machen muss, kann ich die schönen Seiten des Le- bens noch besser genießen.

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