MARKT

Starke Renditen trotz

schwacher Konjunktur

Die Wirtschaft kühlt ab, doch die Finanzmärkte entwickeln sich sehr gut. Ein Widerspruch?

Von Stefan Bruckbauer

monitor

Nachdem die Aktienmärkte, besonders in den USA, Ende 2018 einen deutlichen Einbruch zeigten, verschwand rasch die Erwartung, die US-amerikanische Notenbank werde die Zinsen weiter erhöhen.  Die Aussicht auf eine mögliche Zinssenkung beflügelte den Aktienmarkt. Aber auch der Anleihemarkt profitierte, die Kurse stiegen und damit sanken die langfristigen Zinsen. Zusätzlich wurde der Optimismus durch die Chance auf eine Lösung im Handelskonflikt zwischen den USA und China gestärkt. Und das erste Quartal brachte zwar keine sehr guten Wachstumsraten, aber immerhin waren sie besser als im sehr schwachen zweiten Halbjahr 2018.


Hoffen auf Zinssenkung verleiht Flügel.

Doch die Hoffnungen auf eine Lösung im Handelsstreit wurden enttäuscht, gleichzeitig sank auch die Stimmung der Wirtschaft in den USA und Europa. Dies führte jedoch an den Aktienmärkten zu keiner Korrektur – ganz im Gegenteil: Je herausfordernder sich die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft darstellten, umso mehr stieg die Erwartung geldpolitischer Impulse in den USA und etwas später auch im Euroraum. Dies beflügelte zum einen die Aktienmärkte, aber auch die Anleihemärkte, wo vor allem die Kurse langfristiger Anleihen stiegen. Damit wurde das erste Halbjahr trotz der großen Herausforderungen zu einem sehr guten für Anleger. Die 100-jährige österreichische Anleihe mit Fälligkeit September 2117 mit einem Kupon von 2,1 Prozent erzielte im ersten Halbjahr gar einen Wertzuwachs von über 30 Prozent.


Zentralbanken haben kaum noch Spielraum.

Ist die radikale Wende in der Geldpolitik gerechtfertigt? Sieht man auf die „harten“ Daten, kommt man zum Schluss: Eigentlich nicht. Das Wachstum ist nicht eingebrochen, doch offensichtlich fürchten die beiden großen Zentralbanken eine weitere Abkühlung. Wir erwarten für die USA in den nächsten zwölf Monaten zumindest vier Zinssenkungen, und auch für den Euroraum gehen wir von zumindest einer kleinen weiteren Zinssenkung beim Einlagezinssatz auf dann –0,5 Prozent aus. Zusätzlich dürfte die EZB ihr Anleihekaufprogramm wieder starten. Allerdings ist speziell im Euroraum zu bezweifeln, dass die Erhöhung der billigen Liquidität in Zeiten politischer Unsicherheiten zu einer deutlichen Beschleunigung der Investitionstätigkeit der Unternehmen führen wird. Die Geldpolitik ist im Euroraum am Ende ihrer Möglichkeiten zur Ankurbelung angekommen und die Fiskalpolitik ist gefordert. In Zeiten negativer Zinsen für den Staat dürfte es nicht schwierig sein, sinnvolle Projekte für Zukunftsinvestitionen zu finden.

Stefan Bruckbauer ist Chef-Volkswirt der Unicredit Bank Austria

Marktentwicklung

1. Halbjahr 2019

Euroraum Staatsanleihen 10 Jahre Laufzeit

Euroraum Staatsanleihen 30 Jahre Laufzeit

6,1%

USA Staatsanleihen 10 Jahre Laufzeit*

16,3%

6,2%

Euro Stoxx

14,4%

S&P 500*

17,3%

Quelle: Datastream, UniCredit Research *in USD