MARKT

© Shutterstock/fuyu liu

„Damit kann

man schon etwas bewirken“

Jörg Moshuber, Fondsmanager bei Amundi, spricht im Interview darüber, dass verantwortungsvolles Investieren mehr als den Aspekt Umwelt umfasst und nicht auf Spezialprodukte limitiert sein muss.

VON florian streb

Rund 20 Prozent des von Amundi verwalteten Vermögens sind explizit „verantwortungsvoll“ angelegt – aber was bedeutet das eigentlich?

Amundi ist ein Pionier auf diesem Gebiet und managt per Ende Juni 2019 bereits 297 Milliarden Euro nach ESG-Kriterien. ESG steht dabei für Environment, Social und Governance: Diese Investments müssen strenge Umwelt- und Sozial-Kriterien erfüllen, zudem wird die Unternehmensführung bewertet. Auch nachhaltige Themenfonds, etwa zur Förderung der Energiewende, der Bildung oder der Wassereffizienz, gehören dazu. Ein Amundi-Expertenteam analysiert derzeit 6.000 Unternehmen und vergibt ESG-Ratings von A bis G. Diese Ratings sind die Grundlage dafür, bestimmte Aktien und Unternehmensanleihen entweder in das Portfolio aufzunehmen oder sie auszuschließen. Man sollte sich aber die einzelnen Fonds genau erklären lassen, weil es keine allgemeingültigen Standards gibt, sondern viele verschiedene Zugänge.


Der Faktor Umwelt ist relativ klar, aber welche Punkte werden hinsichtlich des Sozialen und der Unternehmensführung bewertet?

Die beiden Aspekte bekommen leider weniger mediale Aufmerksamkeit, sind aber mindestens genauso wichtig. Nehmen Sie zum Beispiel eine Solarzelle, an sich ein nachhaltiges Produkt. Über 90 Prozent der Photovoltaikanlagen werden in China produziert. Da stellen wir auch die Frage nach den Produktionsbedingungen im Werk: Wie sieht es mit Menschenrechten, Kinderarbeit, Gesundheit und Sicherheit aus? Wie steht es um die Mitarbeiterverträge? Wie transparent ist das Unternehmen geführt? Wie ist das Risikomanagement? Gibt es eine Nachhaltigkeitsstrategie? Und so weiter.


Wie schafft man es, so viele Themen in eine einzige Zahl beziehungsweise einen Buchstaben zu packen?

Wir arbeiten mit vier externen Nachhaltigkeitsrating-Agenturen zusammen, die uns die grobe Datenbasis liefern. Ein Dutzend Kollegen in Paris filtert diese Daten und evaluiert die Qualität. Jede unserer ökonomischen Research-Einheiten für einen bestimmten Markt hat zusätzlich noch ein bis zwei Nachhaltigkeits-Experten im Team. Der Buchstabe liefert eine plakative Einschätzung, aber wir achten auf viele Details. So hatten wir vor Kurzem den Fall, dass bei einer Handelskette der Produzent einer Eigenmarke noch Tierversuche macht. Da haben wir nachgeforscht, wie intensiv und glaubwürdig das Bemühen der Handelskette ist, diese Versuche einzustellen.


Warum schließen manche Fonds ganze Branchen aus und andere nicht?

Der ESG-Score bewertet das Unternehmen immer in Relation zu seinem Sektor, wir sprechen von „Best in Class“. Denn natürlich hat ein Industriebetrieb andere Kohlenstoff-Emissionen als eine Bank. Jetzt kann ich sagen: Ich möchte einen ganzen Sektor nicht in meinem Fonds haben, weil das Geschäftsmodell per se nicht ökologisch ist oder einige Risiken mit sich bringt, die nicht angemessen belohnt werden. Oder ich sage, ich möchte eine Verbesserung der nachhaltigen Praktiken in jeder Branche fördern. Das muss auch nicht auf Nachhaltigkeits-Fonds limitiert sein. Amundi hat einen ambitionierten Dreijahresplan: Wir werden die ESG-Policy im gesamten Fondsmanagement und in der Abstimmungspolitik anwenden. Jeder aktiv gemanagte Fonds soll nach ESG-Kriterien besser sein als die Benchmark oder die Peergroup.


Eine Studie von Amundi hat herausgefunden, dass ESG- Investments zwischen 2014 und 2017 eine deutliche Mehrrendite erzielt haben. Kann das auch langfristig gelingen oder baut sich da eine Nachhaltigkeits-Blase auf?

Meiner Meinung nach ist verantwortungsvolles Investieren auf lange Sicht nicht nur gut für die Performance und die Investoren, sondern auch für die Unternehmen. Zum Beispiel kann Energieeffizienz zu Kosteneinsparungen führen und eine besser ausgebildete Belegschaft die Innovationskraft stärken. Und wer in der Unternehmensführung vorbildlich agiert, hat auch ein geringeres Reputationsrisiko. Die Gefahr einer Blase sehe ich nicht.


Den vielleicht größten Hebel bieten die Eigentümerrechte, die man als Vermögensverwalter wahrnimmt. Welchen Zugang hat hier Amundi?

ESG-Aspekte werden systematisch in unsere Engagement-Politik und das Stimmverhalten als Aktionär auf Hauptversammlungen integriert – bei allen Assets, nicht nur bei ausgewiesenen ESG- Produkten. Die großen Investmenthäuser halten an vielen Konzernen einige Prozent, damit kann man schon etwas bewirken. Wenn unsere ESG-Researcher Verbesserungspotenzial orten, gehen wir mit den Unternehmen aktiv ins Gespräch. Zum Beispiel hat Amundi Gebiete mit Wassermangel gescreent und dann jene Unternehmen kontaktiert, die dort große Verbraucher sind.


Jörg Moshuber managt bei Amundi einen Mischfonds, der in Anleihen und Aktien investiert, die die Kriterien eines ethischen Investments erfüllen.

„Man sollte sich jeden Fonds genau erklären lassen, weil es viele Zugänge gibt.“

Jörg Moshuber, Amundi

PRAKTISCH

Alois Anrainer war einst als Häuslbauer der Zeit voraus. Heute erkennt er bei der Geldanlage eine Parallele.

Als wir vor dreißig Jahren unser Haus gebaut haben, haben viele Nachbarn den Kopf geschüttelt, wie sie gesehen haben, dass wir 15 Zentimeter Wärmedämmung anbringen. Wie viel Heizöl man über die Jahre mit einer starken Dämmung sparen kann, haben die meisten damals nicht im Blick gehabt. Als einer dieser Nachbarn mir vor rund zehn Jahren berichtet hat, dass er sein Geld in einen Öko-Fonds steckt, habe ich ihn allerdings ähnlich schief angeschaut. Ob das wohl etwas bringt – finanziell und für die Umwelt? Mittlerweile hat er mich überzeugt – ich glaube, in einigen Jahren wird nachhaltiges Anlegen genauso Standard sein, wie es heute gut gedämmte Mauern sind.