MARKT

Risiko – mein

(neuer) Freund

Ohne Risiko keine Rendite, lautet die vielleicht wichtigste Regel im aktuellen Marktumfeld. Sind höhere Risiken also tatsächlich der blanke Horror oder nicht doch auch eine Chance? Ein Annäherungsversuch.

VON JULIA THIEM

© shutterstock/bizvector/Montage Egger & Lerch

Was auf den ersten Blick waghalsig wirkt, ist bei professionellem Vorgehen oft gar nicht so riskant.

Die Investmentwelt hat sich in den letzten Jahren stark gewan- delt. Das Einzige, was an den einstigen sicheren Häfen wie Staat- sanleihen aus Österreich, Deutschland oder der Schweiz heute noch sicher scheint, ist die Tatsache, dass man am Ende besten- falls noch das Geld zurückbekommt, das man ursprünglich in- vestiert hat. Bei österreichischen Papieren mit zehn Jahren Laufzeit steht gerade noch so eine schwarze Null vor dem Kom- ma. Will man mit Bundesanleihen ein bisschen Geld verdienen, muss man sein Geld ganze 15 Jahre verleihen. Den Schweizern muss man sein Geld sogar 45 Jahre anvertrauen, um überhaupt etwas Rendite zu erwirtschaften — und die Inflation ist dabei noch nicht berücksichtigt. Kurz: Unterm Strich stehen heute bei nominalen Anleiherenditen vieler Industrienationen rote Zahlen.


Die logische Konsequenz für Anleger auf Renditesu- che muss daher lauten, den nächsten Schritt auf der Risikoleiter jenseits der sicheren Häfen zu setzen. Da- für muss man sich als Investor aber erst einmal mit dem höheren Risiko anfreunden, und damit tun sich viele schwer — zu Unrecht, wie Andreas Beck, Grün- der und Vorstandssprecher des Instituts für Vermö- gensaufbau in München, findet. Er hält das Thema Ri- siko bei der Kapitalanlage sogar für ein großes Miss- verständnis. „Um die Risiken am Kapitalmarkt besser einordnen zu können, muss man zunächst die wirt- schaftlichen Zusammenhänge besser verstehen und sollte sich die fundamentale Frage stellen, warum sich Geld überhaupt vermehrt“, rät der Experte.


Was ist der Sinn eines Wertpapiers? Was Dr. Beck damit meint, ist die Frage nach dem Sinn und Zweck eines Wertpapiers. Denn oftmals wird es so dargestellt — in

den Medien, aber auch auf den Bilanzpressekonferenzen oder In- vestorentagen vieler Unternehmen –, dass die Rendite für die An- leger ihr einziger Zweck sei. Dabei sollen Wertpapiere eigentlich die Wirtschaft mit Kapital versorgen. Mein Geld vermehrt sich also, wenn ich es jemand anderem gebe und dafür entlohnt werde. Dieses Prinzip gilt bei Staatsanleihen genauso wie bei Ak- tien. Woher kommen also die Sicherheit, die eine Staatsanleihe einem Anleger vermittelt, und die vermeintliche Unsicherheit, die ein Aktienengagement verursacht? Sicher, ein Staat hat ein Steuermonopol und somit ein solides Einkommen. Doch fließen

Steuererträge nur, wenn Bürg- er und Unternehmen im Land gut verdienen und Gewinne er- wirtschaften. Letztendlich sind also auch ein Staat und damit die von ihm emittierten Anlei- hen von der Wirtschaft ab- hängig. „Natürlich ist die

Wahrscheinlichkeit einer Unternehmenspleite höher als die einer Staatspleite“, räumt Beck ein. „Doch diese Unsicherheit kann ich leicht reduzieren, indem ich mein Kapital nicht nur einem, son- dern gleich einer ganzen Reihe von Unternehmen gebe, die im Idealfall über die ganze Welt verstreut sind. Dann kann ich mein Geld auch als Eigenkapital in Aktien investieren und habe den- noch ein überschaubares Risiko.“ Daher rät er langfristig orien- tierten Anlegern auch, vermeintliche Risiken und vor allem die gängigen Risikokennziffern nicht zu hoch aufzuhängen.


Angemessene Risiken. Risiken sind geringer, wenn ich auf das inves- tierte Kapital für einen gewissen Zeitraum verzichten kann. Denn wer unter Druck verkaufen muss, weil er Liquidität benötigt, wird nie den besten Preis erzielen. Für Stephan Meschenmoser, CFA und Managing Director bei BlackRock Solutions, lautet daher die alles entscheidende Frage: „Ist das Risiko für mein Ziel und meine aktuelle Situation angemessen?“ Normalerweise betreut Meschen- moser institutionelle Investoren wie Pensionskassen oder Versiche- rer und weiß daher, dass die wenigsten Investoren wirklich einen langen Zeithorizont haben. „Es gibt immer kurzfristige Verpflich- tungen, denen ich nachkommen muss, und auch institutionelle In- vestoren müssen im jährlichen Reporting ihre Risiken im Blick ha- ben.“ Das tun sie in der Regel mit einem aktiven und dynamischen Risikomanagement, das auch für Privatanleger sinnvoll sein kann. „Wer Renditen jenseits der risikofreien Rate erzielen will, muss Ri- siken eingehen. Doch nicht alle Risiken werden auch entlohnt. Der Schlüssel zum Erfolg ist, die Risiken, die entlohnt werden, breit zu streuen, und jene, die nicht entlohnt werden, zu eliminieren. Das ist Risikomanagement. Leider sind die Märkte nicht statisch. Risi- ken verändern sich, weshalb auch das Risikomanagement dyna- misch sein sollte“, fasst Meschenmoser zusammen.


Risikobudget im Blick. Was meint eine breite Streuung von Risiken? Wenn mein Risikobudget beispielsweise bei zehn Prozent liegt, kann ich es unterschiedlich aufteilen — ich kann entweder nur sichere, aber renditearme Investments im Portfolio haben und das ganze Ri- sikobudget für ein besonders riskantes Engagement aufbrauchen. Oder aber ich streue kleinere Risiken breit, die auch kaum miteinan- der korrelieren, so dass ich am Ende pro Risikoeinheit eine höhere erwartete Rendite erziele, das Risiko meines Portfolios insgesamt aber ebenfalls im definierten Budget bleibt. Dafür muss ich natürlich die unterschiedlichen Risiken kennen, für die ich entlohnt werde. Das sind zum Beispiel das so genannte Term Premium, also die Ent- lohnung für die Zeit, in der ich auf mein Geld verzichte, Kredit- und Konjunkturrisiken sowie politische Risiken.


Neue Risiken durch Herdenverhalten. Es gibt aber auch neue Risiken, die die traditionellen Risikokennziffern nicht berücksichtigen. „Vor zehn Jahren konnte man in allen Anleihesegmenten Renditen über oder um vier Prozent erwirtschaften, heute geht das allenfalls in den Schwellenländern oder bei High Yields. Deshalb müssen Anle- ger heute ihr Verhalten ändern und auch in Segmenten investie- ren, die sie eigentlich als zu riskant einstufen“, erklärt Meschenmo- ser. „Die Konsequenz ist das so genannte Crowding. Wenn alle An- leger ähnliche Sichtweisen und Positionen haben, weil sie Rendite bei einem Risiko erwirtschaften müssen, mit dem sie sich nicht zu 100 Prozent wohl fühlen, können schon kleinste Stimmungs- schwankungen zu materiellen Marktbewegungen führen.“ Das Crowding führe dazu, dass Strategien und Produkte, die die we- sentlichen Risikotreiber eines Portfolios diversifizieren, mehr und mehr nachfragt werden, glaubt der BlackRock-Experte. Anleger sollten sich nur fragen, ob Strategien, die in normalen Märkten gut funktionieren, dies auch in stressigeren Marktsituationen können.


Kontinuität und Disziplin gefragt. In einem sind sich beide Experten zudem einig: Der stete Tropfen höhlt den Stein. Wenn ich konti- nuierlich und diszipliniert investiere, fallen kurzfristige Risiken und das richtige Timing weniger ins Gewicht. „Das richtige Ti- ming für Investments zu finden, führt letztendlich nur zu Verlus- ten“, sagt Beck. Und Meschenmoser ergänzt: „Erfolgreich ist, wer kontinuierlich investiert. Man sollte sich schlicht nicht verrückt machen lassen.“

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Andreas Beck ist Gründer und Vorstandssprecher des Instituts für Vermö- gensaufbau in München.

Risiken verändern sich, weshalb auch das Risikomanagement dynamisch sein sollte.

„Der Schlüssel zum Erfolg ist, die Risiken, die entlohnt werden, breit zu streuen, und jene, die nicht entlohnt werden, zu eliminieren.“  STEPHAN MESCHENMOSER

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Stephan Meschen- moser, CFA und Man- aging Director bei BlackRock Solutions

DIE GRÖSSTEN RISIKEN VON WERTPAPIEREN

Bonitätsrisiko/Ausfallrisiko – Schuldner können in Zahlungsverzug kommen oder so- gar zahlungsunfähig werden. Das gilt für Staaten – Argentinien ist hier ein prominentes Beispiel aus der Vergangenheit – ebenso wie für Unternehmen. Ratings von unabhängi- gen Agenturen wie Moody’s, Standard & Poor’s oder Fitch sollen helfen, die Bonität ei- nes Emittenten und damit das Ausfallrisiko einzuschätzen.

Währungsrisiko – Nicht alle Wertpapiere sind in Euro denominiert. Das ist aus Gründen der Diversifikation einerseits gut für das Portfolio. Andererseits können Währungs- schwankungen auch zum Risiko werden, wenn die Nominalwährung gegenüber dem Euro sinkt und der Anleger dadurch Währungsverluste erleidet.

Inflationsrisiko – Die reale Rendite eines Wertpapiers ist die gezahlte Rendite abzüg- lich Inflationsrate. Steigt also die Inflation, sinkt die reale Rendite und umgekehrt, was Risiko und Chance gleichermaßen bedeuten kann.

Klumpenrisiko – Viele Portfolios weisen einen deutlichen Home Bias auf. Das heißt, An- leger tendieren dazu, Wertpapiere aus dem eigenen Land zu kaufen, die sie auch ken- nen. So entstehen Klumpenrisiken im Portfolio, die bei Verlusten etwa des heimischen Aktienmarktes die eigene Kapitalanlage entsprechend hart treffen können.

Dieser Artikel ist erst- mals in Ausgabe 1/2017 der perspektiv- en erschienen.